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Donnerstag

Was ist Gütekraft?

Der Begriff Gütekraft wurde von Martin Arnold geprägt und stellt einen Versuch dar, den Begriff Satyagraha von Mahatma Gandhi ins Deutsche zu übertragen: „Gütekraft bedeutet mehr, als keine Gewalt auszuüben. Gütekraft ist ein mögliches Element oder ein möglicher Aspekt des Prozesses aktiver Konfliktbearbeitung.“ (Wikipedia-Artikel „Gütekraft“)
Zur Begriffsbildung schreibt Martin Arnold: Eine Woche, nachdem meine Familie das Haus verlassen hatte, ging es im Bombenhagel in Flammen auf. Als Kinder spielten wir auf Trümmergrundstücken. Ich war irritiert und schockiert, dass mein Land, Deutschland, den Krieg angefangen hatte. Frieden macht sich nicht von alleine. Der Abschreckungsgedanke: „Um nicht töten zu müssen, bereit sein zu töten“ leuchtete mir ein. Ich ging zur Bundeswehr. Als ich mich entschied, als Christ zu leben, d.h. auch Feindesliebe zu üben, verweigerte ich den Kriegsdienst. Zur Kriegsverhütung ist allerdings mehr erforderlich, als persönlich beim Töten nicht mitzumachen, nämlich „intelligente Feindesliebe“ (Carl Friedrich von Weizsäcker). In den Traditionen von „Gewaltlosigkeit“ und „gewaltfreier Aktion“ wurden dafür Methoden und Aktionsformen entwickelt. Männer und Frauen, die sie erfolgreich anwandten, war die Kraft wichtig, die dabei zu mehr Gerechtigkeit und Frieden führt, z.B. Hildegard Goss-Mayr: Kraft der Gewaltfreiheit, Mohandas K. („Mahatma“) Gandhi: Satyagraha (spr. Satjāgrah) = Gütekraft, Martin Luther King: Strength to love = Stärke, zu lieben. Wie diese Kraft auch politisch wirkt, hat mich brennend interessiert. Die Deutsche Stiftung Friedensforschung ermöglichte mir ein Forschungsprojekt dazu, siehe www.martin-arnold.eu.

Grundelemente der Wirkungsweise: Eigentätigkeit, Mitschwingen, Nichtzusammenarbeit. Bei gütekräftigem Handeln sprechen die Engagierten aus ihrer Neigung zu Wohlwollen und Gerechtigkeit heraus andere so an, dass diese sich in ihrem Handeln ebenfalls von ihrer eigenen, vielleicht kaum bewussten Neigung zu Wohlwollen und Gerechtigkeit leiten lassen. Dabei spielen vor allem folgende Elemente eine Rolle:
Eigentätigkeit: Gütekräftig Handelnde konzentrieren sich zunächst auf ihre eigene Mitverantwortung an einem Missstand: Sie suchen nach Möglichkeiten, wie sie selber den Missstand abbauen oder dazu beitragen können, und setzen sie um. Wenn dies nicht ausreicht, suchen sie nach Wegen, die Unterstützung anderer zum Abbau des Missstandes zu erhalten. Das engagierte Vorbild und die wohlwollende Haltung stecken andere an. Martin Arnold spricht von Mitschwingen.
Mitschwingen: Andere Menschen werden durch das Vorangehen engagierter Personen zu Solidarität und Unterstützung angeregt. Dadurch wird eine positive Dynamik in Gang gesetzt, eine „Engelsspirale der Gütekraft“ (im Gegensatz zum „Teufelskreis der Gewalt“).
Nichtzusammenarbeit: Wenn nach breitem und intensivem Einsatz und so entstandenem öffentlichem Druck wichtige Schlüsselpersonen sich immer noch weigern, am Abbau des Missstands mitzuwirken, wird deren Macht durch organisierte Nichtzusammenarbeit untergraben. Der Erfolg wird durch die Teilnahme von immer mehr Menschen, durch massenhaftes Mitschwingen, möglich.
Günstige Persönlichkeitsmerkmale: Es gibt verschiedene Eigenschaften, die für gütekräftiges Vorgehen hilfreich sind. Neben einer Grundhaltung des Wohlwollens sind dies vor allem Mut, Ausdauer und Beharrlichkeit sowie Offenheit und die Bereitschaft zum Dialog. Wichtig sind auch Empathie und die Fähigkeit, die Standpunkte, Wahrheiten und positiven Eigenschaften von anderen wahrzunehmen. Diese Fähigkeiten sind möglicherweise nicht alle von Anfang an vorhanden, können aber durch Persönlichkeitsbildung entwickelt werden. Diese Aufgabe gehört zum gütekräftigen Empowerment.
Gütekräftig Handeln = Würde anbieten
Der Ausdruck bezeichnet das gütekräftige Vorgehen unter grundlegenden Aspekten. Es beruht auf folgenden Annahmen:
o Jedem Menschen kommt eine unveräußerliche Würde zu.
o Jeder Mensch will in seiner Würde respektiert werden.
o Menschen zu schädigen verletzt die Würde von Opfer und
    Täter.
o Das Angebot des Opfers zur Vermenschlichung der Beziehung
     kann Tätern die Chance bieten, die eigene Würde und die
     Würde des Opfers wiederherzustellen.
Schädigen („Gewalt“) sieht unter dem Aspekt der Würde so aus: Die schädigende Person („Täter“) verletzt die eigene Würde, indem sie ohne Rücksicht auf ihre eigene Würde handelt. Die geschädigte Person („Opfer“) wird entwürdigt, das heißt, ohne Rücksicht auf deren Würde behandelt. Die schädigende Person als Subjekt macht die geschädigte Person zum Objekt. „Würde anbieten“ heißt: Die geschädigte Person lässt sich nicht (länger) zum Objekt machen, sie nimmt die Opferrolle nicht an und bietet gleichzeitig der schädigenden Seite die Möglichkeit an, die Täterrolle zu verlassen. Der gemeinsame Gestus solcher Handlungsweisen ist das Anbieten. Dafür bedarf es keiner dritten Person als „Retter“, wohl aber wird eine neue ‚Instanz’ eingeführt, die allgemein hohe Wertschätzung genießt: die Würde. Angeboten wird, die Beziehung neu zu gestalten als eine, in der sich beide mit gleicher Würde begegnen.
 Das Anbieten eröffnet dem Täter neu die Möglichkeit, vom Schädigen deshalb abzulassen, weil er so die eigene Würde und das Verhältnis zum Gegenüber wiederherstellen kann. Die anbietende Person weiß, dass sie niemanden zwingen kann, auf Gewalt zu verzichten, dass also das Angebot abgelehnt werden kann. Das Annehmen ist für religiöse Menschen ein "Wunder", ist "Wirkung des Heiligen Geistes", nicht erzwingbar, ein Geschenk.
Gütekraft als „Würde Anbieten“ setzt keine Religiosität voraus. Das Konzept ist interreligiös anwendbar. Mit Gütekraft können alle möglichen sozialen Missstände überwunden werden, auch solche, die mit institutionell abgesicherter Rüstung skrupellos aufrechterhalten werden.
Eigentätigkeit, Ansteckung und Nichtzusammenarbeit mit dem Missstand sind die drei Hauptwirkungsfaktoren des gütekräftigen Vorgehens.

Ein Beispiel für gewaltfreies-gütekräftiges Handeln ist die Arbeit von People Power 1986 auf den Philippinen. Ein kommentierter Bericht darüber kann hier nachgelesen werden.