Donnerstag

Ermutigende Beispiele für Friedenshandeln

Ermutigende Beispiele für Friedenshandeln

- Der Kampagne ICAN ist es in rund zehn Jahren gelungen, mehr als 120
Staaten unter einem Atomwaffenverbotsantrag zu sammeln - und dafür
2017 den Friedensnobelpreis zu erhalten. 2020 haben 50 Staaten den Vertrag ratifiziert, genug für sein Inkrafttreten im Januar 2021.

- Nach Protesten von Friedensbewegten in Köln sagte die Messeleitung
Köln die Militär- und Waffentechnik-Messe Itec für das Jahr 2018 ab.
Auf der letzten Itec-Messe im Jahre 2014 hatten noch 110
Rüstungsunternehmen ihre todbringenden Produkte ausgestellt. Nun gilt
es diese weiter gezogene Rüstungs-Messe aus Stuttgart zu vertreiben!

- Durch massive Proteste aus der Zivilbevölkerung - u.a. von der
Kampagne "Aufschrei - Stoppt den Waffenhandel" - sind bis heute keine
neuen Panzer an Saudi-Arabien ausgeliefert worden.

- Zumindest die Pläne für eine gemeinsame türkisch-deutsche
Panzerfabrik sowie die bessere Panzerung bereits gelieferter deutscher
Leopard-Panzer wurden von der neuen Bundesregierung vorerst auf Eis
gelegt.

- In Lahr - zwischen Freiburg und Offenburg gelegen - hat die örtliche
Friedensbewegung es geschafft, den Gemeinderat zu überzeugen, gegen
die Ansiedlung einer Schweizer Munitionsfabrik zu stimmen - und damit
auch auf Gewerbeeinnahmen zu verzichten.

- Die Europäische Investitionsbank (EIB) erteilte vor zwei Jahren den
Vorschlägen der EU-Kommission zur Finanzierung von
EU-Rüstungsprojekten eine Absage. Begründung: Sie müsse sich
refinanzieren bei Anlegern, die ganz klar die Finanzierung von Rüstung
aus ethischen Gründen ausgeschlossen haben.

- Die Kampagne "Abrüsten statt Aufrüsten" hat in relativ kurzer Zeit
unzählige Unterschriften gesammelt, das 2-Prozent-Aufrüstungsziel zu
verhindern - und statt dessen eine Umschichtung von Rüstungsausgaben
hin zu Schulen, Kindertagesstätten, sozialem Wohnungsbau,
Krankenhäusern, öffentlichem Nahverkehr, kommunaler Infrastruktur,
Alterssicherung, ökologischem Umbau, Klimagerechtigkeit und
internationaler Hilfe zur Selbsthilfe gefordert.

- Private und institutionelle Anleger, die sich der globalen
Divestment-Bewegung angeschlossen haben und aus Investitionen mit
Verbindungen zu fossilen Energien aussteigen, verfügen mittlerweile
über ein Gesamtvermögen von mehr als fünf Billionen US-Dollar.

Wer nicht bei der GLS-Bank, der Triodos-Bank oder der Ethik-Bank sein
Geld angelegt hat, läuft Gefahr, dass sein Erspartes irgendwo in einer
Waffenschmiede Unheil anrichtet.

Fragt bei euren Banken nach - und schichtet euer Geld dorthin um, wo
es sinnvoll zum Beispiel in erneuerbaren Energien oder Biohöfen
eingesetzt wird!


Wo sind Menschen noch an anderen Orten und arbeiten an einer gerechteren und friedvolleren Welt?

- In der Nähe von Magdeburg engagieren sich Friedensbewegte in der
Kampagne "Krieg beginnt hier" - um darauf hinzuweisen, dass auf dem
nahe gelegenen Gefechts-Übungszentrum Altmark von deutschem Boden aus
Kriege eingeübt und vorbereitet werden.

- In Büchel protestieren auch 2018 wieder verschiedene Gruppen gegen
die Modernisierung und für den Abzug der letzten Atomwaffen auf
deutschem Boden. Für den 7. Juli 2018 haben mehrere Landeskirchen
ihren Protest-Besuch angekündigt.

- In und um Ramstein in der Pfalz fordern Menschen die Beendigung
völkerrechtswidriger US-Drohneneinsätzen von deutschem Boden aus und
die Schließung der Airbase Ramstein.

- Die Kampagne "Macht Frieden. Zivile Lösungen für Syrien" wird weiter
daran arbeiten, die wachsende Zahl der Nein-Stimmen im deutschen
Bundestag bei der nächsten Verlängerung der Bundeswehrmandate für
Syrien und Irak zu erhöhen - und gleichzeitig zivile Konfliktlösungen
vorstellen.

- An vielen Orten in Deutschland gibt es Gruppen, die sich mit der
Forderung "Bundeswehr raus den Schulen" u.a. für die Einhaltung der
UN-Kinderrechtskonvention einsetzen. Derzeit sind mehr als 1000 unter
18-Jährige in der Bundeswehr eingesetzt, die gemäß der
UN-Kinderrechtskonvention dort gar nicht sein dürften!

- Ende Mai bis Anfang Juni wird die Aktion Staffellauf 2018 von
Oberndorf nach Berlin stattfinden. Vom Sitz des Rüstungskonzerns
Heckler und Koch werden sich Menschen in Etappen auf den Weg zur
Bundesregierung aufmachen, um dort am 2. Juni 2018 eine Großkundgebung
abzuhalten. Sie werden dort mit einer Friedensfahrradtour zusammen
treffen, die von Würzburg aus startet und ebenfalls wie die
Läufergruppe Station an Rüstungsstandorten machen wird.

- Vor dem Festsaal bei der Weihnachtsfeier der Firma Diehl mahnten
Aktive: "Christen bauen keine Waffen" - eine Auffassung, die auch
Papst Franziskus vertritt.

- Die friedenspolitisch sehr aktive evangelische Landeskirche Baden
erarbeitete ein Rüstungs-Ausstiegsszenario und stellte den Entwurf in
den Friedensräumen Lindau vor. Der evangelische Landesbischof traf
sich zur Diskussion mit dem Chef des Diehl-Konzerns.

- Mehrere Landeskirchen haben sich auf den Weg gemacht, "Kirchen eines
gerechten Friedens" zu werden!

- Auch in diesem Jahr (2018) wird es in Überlingen wieder einen
Frieden-Stiftertag mit einem ganztägigen Workshop zu Fragen
gewaltfreier Konfliktbearbeitung geben.

- Vertreterinnen und Vertreter des 60-köpfigen Vereins "Keine Waffen vom
Bodensee" haben Pfarrerinnen und Pfarrer aus vier Landeskirchen zu
einer Langzeitfortbildung eingeladen. Themen sind die Rüstungsbetriebe
am Bodensee und deren Konversion.

- Als Untergruppe des Vereins "Keine Waffen vom Bodensee" hat sich vor
drei Jahren die Initiative "Friedensregion Bodensee" gebildet, der
inzwischen rund 20 Mitglieder angehören. Diese Gruppe, der besonders
die positiven Friedensansätze am Herzen liegen, beschäftigt sich u.a.
damit, welche konkreten Alternativen es zur Herstellung von Waffen am
Bodensee gibt.

Die Initiative fragt auch, wie den in den Rüstungskonzernen
Beschäftigten die Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes durch
sinnvolle zivile Produktionsmöglichkeiten genommen werden kann.

Zu den Aktivitäten der Gruppe "Friedensregion Bodensee" gehört u.a.
das WIR-Cafe in Owingen als Internationaler Treffpunkt.

- Im Mai wird im Pestalozzi-Kinder- und Jugenddorf Wahlwies im Rahmen
des "Pilgerweges für den Frieden" ein Friedensbaum gepflanzt werden.
In Stockach findet die Aktion "Singen für den Frieden" statt.

- Am westlichen Bodensee gibt es schon jetzt zahlreiche
landwirtschaftliche Demeter-Betriebe und andere Biohöfe für
nachhaltigen und fairen Einkauf und Konsum.

- Die Integration von Flüchtlingen wird in vielen Gemeinden groß
geschrieben. Dem wachsenden Rechtsruck in Europa begegnen Menschen
rund um den Bodensee mit ihrer friedensfördernden und integrierenden
Arbeit mit Menschen aus aller Welt.

- Mit den Friedensräumen in Lindau und dem Friedensmuseum in Schachen
stehen kulturelle Räume zur Begegnung und zum Austausch bereit, die
noch weit größere Aufmerksamkeit verdienen als bisher.

Auszüge aus der Rede von Clemens Ronnefeldt, anlässlich der Bodenseekonferenz am 2. April 2018 in Bregenz. Ergänzt von Martin Arnold.
Clemens Ronnefeldt,
Referent für Friedensfragen beim deutschen Zweig des Internationalen
Versöhnungsbundes

Montag

Das Gewehr über der Schulter

Pats (Patrick Lloyds) Erlebnisse während des Ersten Weltkrieges standen ihm nicht im Gesicht geschrieben. Der Autor musste einige Mühe und Geduld aufbringen, um sie aus Pat herauszubekommen. Hier sind sie. Wenn die Leserin Pat kennen würde, dann würde es ihr nicht schwerfallen, alles zu glauben. Pats Truppe, sie waren Kanadier, wurde befohlen bei vollem Tageslicht über ein offenes Feld die Deutschen, die in einem Wald standen, anzugreifen. Von den Männern der Kompanie kamen nur fünf zurück, unter ihnen Pat. Am Tag des Waffenstillstandes waren sie noch zu fünfundzwanzig. Als der Schlachtenlärm aufhörte, drehten einige von ihnen durch und schrieen laut.

Als er siebzehn war, hatte er sein Alter gefälscht, um sich für die kanadische Armee einschreiben lassen zu können. Tief in seinem Herzen wusste er allerdings, dass Krieg nicht der Weg zu Gerechtigkeit und Frieden war. Aber mit siebzehn, als ältere Freunde in Europa Helden wurden und es die am besten aussehenden Mädchen beim Anblick einer Uniform heiß und kalt überlief, dachte er: Also gut, warum eigentlich nicht?

Er trug Stücke von Wellblech auf dem Kopf zur Front in Frankreich, die dort für den Bau von Unterständen benutzt werden sollten. Der Boden um ihn her war aufgewühlt. Es hagelte Grantatsplitter auf die Wellblechstücke auf seinem Kopf. Pat erschien die Situation hoffnungslos. Wozu sollte das wohl alles gut sein? Hatte das Leben irgendeine Bedeutung? Man konnte ebenso gut von einem der Splitter getroffen werden wie davonkommen. In seiner Verzweiflung und Erschöpfung ruhte er einen Augenblick aus und es kümmerte ihn kaum, ob er getroffen würde oder nicht. Er erwartete, dass irgendein Offizier ihn wütend anschreien würde: „Was machen Sie da? Sehn Sie zu, dass Sie vorwärtskommen!“

Dann geschah Pat das Seltsamste, das er je erlebt hatte. Aber zu dem Zeitpunkt schien es völlig natürlich, so dass er sich nicht wunderte. Eine strahlende Figur näherte sich ihm. Offenbar war es Jesus. Er kam zu Pat, gab ihm freundlich die Hand, lächelte und glitt dann an ihm vorüber ins Dunkel.

Von da an konnte Pat nicht mehr töten. Das Kopfschütteln genügte Pat vollständig. Es ging nicht darum, was wirklich geschehen war, ob das Erlebnis seiner übererregten Fantasie zu verdanken war oder ob wirklich Jesus zu ihm gekommen war. Es ging darum, dass Pat von da an nicht mehr direkt am Krieg teilnehmen konnte.

Er hatte keine Angst. Die Tommies in den Schützengräben fühlten, dass er sich verändert hatte. „Warum?“ konnten sie beunruhigt fragen, „Es ist dir doch nichts passiert! Es hat sich doch nichts verändert. Wir verstehen nicht, was über dich gekommen ist.“

Pat sagte seinem Oberst, einem Mann aus Calgary in Kanada, dass es für ihn mit dem Töten vorbei sei. „Was zum Teufel denken Sie eigentlich, wozu wir hier sind?“ fragte der überraschte Oberst McDonald.

Pat kam vor ein Kriegsgericht und wurde zum Tode durch Erschießen verurteilt. Der Oberst verabscheute das, aber so waren nun einmal die Gesetze der Armee.

Während Pat auf die Exekution wartete, dachte er tief nach, wurde sehr still und lauschte auf Gott. Schließlich kam ihm in den Sinn, dass es eine Lösung des Problems geben könnte. Er ging also zu Oberst McDonald. „Ich werde den Gesetzen der Armee gehorchen. Zwar werde ich niemanden töten, aber ich werde weiter vorwärts gehen.“

Zu seiner Überraschung fand der Oberst im militärischen Handbuch zwar eine genaue Anleitung zur Benutzung des Bajonetts, aber an keiner Stelle wurde die Benutzung befohlen. Er war sehr froh, dass Pat nicht erschossen werden musste. Er nahm seinen Vorschlag an.

Aber der Oberfeldwebel, der später von seinen eigenen Männern von hinten erschossen wurde, war nicht zufrieden. Er dachte, Pats Einfall sei vollständiger Unsinn. Daraus ergab sich, dass Pat in nur zwei Wochen dreimal auf Patrouille geschickt wurde. Er machte es sich zur Regel, dass er nie die Auslöser der Granaten betätigte, nie schoss und nie sein Bajonett benutzte. Irgendwie kam er mit dem Leben davon.

Bei einem Angriff kamen von der gesamten Kompanie nur eine Handvoll Soldaten zurück. Zu ihnen gehörte auch Pat. Sie zählten die Kugellöcher in Pats Uniform. Es waren sechzehn und eine leichte Fleischwunde. Es schien unglaublich, dass er das lebend überstanden hatte.

Der Oberfeldwebel hatte etwas gegen diesen aus der Art geschlagenen Soldaten. Er war ein alter Haudegen, ausgekocht und unsensibel. Pat war klar, dass den Männern nichts lieber wäre, als mit anzusehen, wie ihr Tyrann in eine lächerliche Lage gebracht würde. Einmal wurde er wütend und schrie Pat an, indem er wüste Schimpfwörter gebrauchte. Er befahl ihm, sein Gewehr zu laden und zu schießen. Pat fügte sich ruhig und höflich und zielte dorthin, wo sein Schuss den geringsten Schaden anrichten würde. Er wollte nicht, dass der Oberfeldwebel das Gesicht verlöre.

Immer wieder gab Pat in allen möglichen Einzelheiten nach, gab in technischen Punkten, so weit er konnte, nach, führte getreulich alle Handlungen eines guten Soldaten aus – nur dass er das Töten ausließ. Eines Tages gab ihm der Oberst seinen dritten Streifen. Schließlich hatte der junge Irisch-Kanadier nicht ein einziges Mal gegen die Regeln verstoßen. Der Oberst hatte Sinn für Humor. Er sagte: „Ich gebe Ihnen diesen dritten Streifen, weil ich muss. Niemand, Pat, niemand in der ganzen kanadischen Armee ist besser davongekommen als Sie.“

Bei einem Angriff schlug das kanadische Sperrfeuer in die deutschen Schützengräben ein und Pat und seine Kompanie mussten die Soldaten der anderen Seite „völlig aufreiben“. Das heißt, sie mussten dem Sperrfeuer folgen und jeden Deutschen töten oder gefangen nehmen, auf den sie beim Vorrücken trafen. Jeder Soldat sprang in einen Schützengraben und tat, was er konnte. Natürlich war das verwirrend. Pat war plötzlich allein in einem Schützengraben. Er wusste nicht, ob er vor oder hinter den anderen war.

Als er in einem Graben um die Ecke bog, tauchte vor ihm plötzlich ein Deutscher auf, der zu seinem Empfang bereit war. Gewehr und Bajonette des Deutschen richteten sich auf Pat. Sofort ging Pat, das Gewehr über die Schulter gehängt, auf den Deutschen zu und hielt beide Hände vor sich, die Handflächen ein wenig erhoben. Er hob die Hände nicht über den Kopf. Das wäre zu viel gewesen, so als würde er sich ergeben.

„Kamarad!“ rief Pat und lächelte. Das Bajonett des Deutschen kam näher und war nur einige Meter von Pats Bauch entfernt.
„Sprechen Sie deutsch?“ fuhr Pat fort, „you sprechen English?“
„Nein English“, antwortete grimmig der andere unter seinem Helm hervor.

Der Deutsche war nun überrumpelt, er war überrascht worden. Er war auf einen Bajonettstoß des Feindes gefasst gewesen. Aber dieser seltsame Kanadier fragte ihn, ob er Englisch spreche und noch dazu mit diesem komischen Akzent. Der Deutsche schob mit einer Hand ganz verwirrt den Helm zurück und fasste mit der anderen sein Gewehr fester.

„Liebe mannen“, sagte Pat, „alles mannen.“ (Ich liebe Menschen, alle Menschen.)
„Alles mannen? Deutsch?“ antwortete der Deutsche ungläubig.

„Ya, alles mannen“, und Pat balancierte sein Gewehr auf den ausgestreckten Händen. Er wollte, dass der Deutsche versteht, dass er Patronen im Gürtel hatte und dass er sein Gewehr genau so wirksam gebrauchen könnte wie der Deutsche seines. Das könnte er, aber er würde es nicht tun. Widerstrebend verstand der Deutsche. Die beiden Soldaten setzen sich auf die Gewehrablage. Pat durchsuchte sein Gedächtnis nach deutschen Wörtern. Er wollte sagen: „Ich hasse den Krieg“, also versuchte er: „Nicht war“. Der Deutsche verstand nicht. „Nicht la guerre“, sagte Pat, der nach dem richtigen Wort suchte. Der andere zeigte Verachtung. Offensichtlich missfiel ihm der Gedanke an irgendetwas Französisches. Pat erklärte noch einmal, er liebe alle Menschen.

Die Anspannung dieses behutsamen Balancierens auf der Schwelle des Todes, dazu der seltsame Akzent und die unpassenden Wörter des unerschütterlichen Iren neben ihm waren zu viel für den Deutschen. Er hatte Pat zunächst mit Misstrauen betrachtet, aber jetzt konnte er nicht anders, er musste lachen.

„Ach“, brach es fast unkontrollierbar aus ihm heraus. Er wedelte mit seinem
Gewehr in der Luft herum, als wäre es ein Spazierstock. „Freund! Freund!“ rief er.

Sie schwätzten noch weiter, jeder in seiner eigenen Sprache, aber sie konnten sich gegenseitig verstehen. Schließlich ging jeder der beiden seiner Wege.


Aus dem Buch: 
Instead of cowardice or hate
COURAGE IN BOTH HANDS
Dramatic stories of real men and women who accomplished more than they believed they could
Allan A. Hunter
Copyright © 1962 by Allan A. Hunter Printed in the United States of America
BALLANTINE BOOKS, INC.
101 Fifth Avenue New York 3, N. Y.

„Hör endlich auf, mich zu lieben!“

Einige Jahre zuvor, nicht lange nach dem Ersten Weltkrieg, verrichtete Pat (Patrick Lloyd) Sozialarbeit – allerdings würde er es nicht so nennen – in einem Londoner Slum. In der Gemeinde gab es einen Arbeitslosen, der im Begriff war, sich zu Tode zu trinken. Er hatte eine Frau und Kinder und brauchte dringend Hilfe. Eines Tages, als Pat eine Treppe hinaufstieg, um im dritten Stockwerk einen Besuch zu machen, ging dieser Mann einige Stufen vor ihm her. Pat wusste, wie bitter sein Nachbar war, deshalb ging er weiter und sprach ihn nicht an. Der andere konnte das Schweigen nicht ertragen. Plötzlich drehte er sich um und schrie Pat wild ins Gesicht: „Hör endlich auf, mich zu lieben!“

Pat verstand, dass er besser nicht antworten sollte, und verschwand. Einige Tage danach drückte er dem Mann schweigend einen Zettel in die Hand, auf dem stand, dass da und da ein Tischler für eine kleine Arbeit gesucht werde. Diese Einfühlsamkeit hatte einige interessante Folgen. Als der Mann in einer Kneipe hörte, wie jemand eine beleidigende Äußerung über Pat machte, schlug er den Kritiker zu Boden. Aber das war nicht alles. Von da an nahm er auch andere Arbeiten an und kümmerte sich um seine Familie.

Aus dem Buch: 
Instead of cowardice or hate
COURAGE IN BOTH HANDS
Dramatic stories of real men and women who accomplished more than they believed they could
Allan A. Hunter
Copyright © 1962 by Allan A. Hunter Printed in the United States of America
BALLANTINE BOOKS, INC.
101 Fifth Avenue New York 3, N. Y.

„Ich habe keine Angst – hast du Hunger?“

Wie ein Magnet, der unweigerlich Eisenspäne anzieht, so zieht Pat (Patrick Lloyd) immer wieder die seltsamsten Zwischenfälle an. Eines Nachts wachte er durch ein Licht erschreckt auf, das ihm ins Gesicht schien.
„Gib dein Geld raus“, sagte der Mann hinter der Taschenlampe.
„Ich habe nicht viel“, antwortete Pat, der noch nicht wach genug war, um sich klar zu machen, wie komisch seine Antwort war. „Aber das, was ich habe, brauche ich selbst.“
„Wo ist es?“ Der Einbrecher schrie fast.
„Wenn ich dir alles geben würde“, antwortete Pat sanft, „dann hätte ich ja nichts mehr für mich.“ Schweigen. Dann sprach Pat weiter: „Weißt du was, ich habe zwar nur wenig, aber das könnten wir teilen.“ Er bemerkte, dass die Pistole langsam gesenkt wurde.
Pat: „Jetzt, wo du die Pistole nicht mehr auf mich richtest, könntest du dich doch setzen!“ Der Einbrecher hob die Pistole wieder an und zielte auf Pat. Er wiederholte seine Forderung. Pat sagte: „Ich habe keine Angst mehr vor dir.“
Einbrecher: „Warum nicht?“
Pat: „Das kann ich dir nicht erklären, es ist eben so: Ich habe keine Angst mehr vor dir… Hast du Hunger?“
Einbrecher: „Ja“.
Pat: „Wir wollen Kaffee trinken und Brötchen essen. Ich kann das ganz schnell machen.“
Einbrecher: „Na gut“. Sie saßen zusammen und aßen und sprachen miteinander.
Pat: „Warum machst du sowas?“
Einbrecher: „Mir fällt nichts anderes ein. Ich würde niemals betteln.“
Pat: „Es wäre schön, wenn du bei mir bliebst und ich dir bei der Arbeitssuche helfen könnte.“
Einbrecher: „Nein – du würdest mich reinlegen.“
Pat: „Warum lässt du nicht die Pistole hier? Wenn sie dich damit erwischen, kriegst du Ärger. Ich hebe sie für dich auf.“
Der Einbrecher sah das ein, ließ die Pistole dort und als sie sich trennten, gaben sie sich die Hand.

Aus dem Buch: 
Instead of cowardice or hate
COURAGE IN BOTH HANDS
Dramatic stories of real men and women who accomplished more than they believed they could
Allan A. Hunter
Copyright © 1962 by Allan A. Hunter Printed in the United States of America
BALLANTINE BOOKS, INC.
101 Fifth Avenue New York 3, N. Y.

Dienstag

Weltkarte der Gewaltfreiheit / Weltkarte der Hoffnung - Ereignisse in Deutschland





Widerstand gegen den Nationalsozialismus / Faschismus

Wegen Widerstands gegen die Nazi-Gewalt wurden über 32.500 Deutsche die Geschwister Scholl (»Weiße Rose«) verurteilt und hingerichtet. Ohne Prozess wurden Ungezählte umgebracht.
In politischen Verfahren wurden 225.000 Frauen und Männer zu rund 600.000 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt

Rund eine Million Deutsche waren bis Kriegsbeginn aus politischen Gründen kurze oder lange Zeit
in den rd.100 KZs

Ungezählte versteckten Flugblätter in Einkaufskörben, Booten, Kinderwagen, machten Munition unbrauchbar, entfernten Kriegshetze-Plakate usw.

1943 Berlin Rosenstraße: 6000 Frauen erreichen Freilassung ihrer jüdischen Männer

In allen Nazi-besetzten Ländern gab es Widerstandbewegungen: z.B. wirksame passive Resistenz in Holland - v.a. ein umfassender Eisenbahnstreik

Mit fantasievollen Aktionen machte sich Polen für die Nazis schwer regierbar

Dänen kündigten demonstrativ an, den Judenstern zu tragen, auch der König, und brachten fast alle Juden nach Schweden in Sicherheit

In Bulgarien machte die Bevölkerung während der Nazi-Besetzung den Abtransport der Juden unmöglich, indem sie sich auf die Straßen zum Bahnhof legte

In Norwegen scheiterte das Nazi-Regime 1942 an dem geschlossenen Widerstand der Bevölkerung, vor allem der Lehrer
Ausführlicher Bericht zu diesem Ereignis

Hätte nicht die Widerstandsbewegung den Krieg verkürzt, wären die Atombomben auf Deutschland gefallen

Friedensbewegung nach 1945

'Kampf dem Atomtod"-Bewegung in Deutschland der 1950er Jahre: Massenstreiks erreichten, dass die Bundeswehr nicht atomar bewaffnet wurde

17. Juni 1953: in Ost-Berlin setzten Massendemonstrationen (von westlichen Medien verschwiegen) fast alle Forderungen der Arbeiterschaft durch

1957 erklärten sich 18 deutsche Wissenschaftler im „Göttinger Manifest“ gegen die Atombombe

Der Fall der Berliner Mauer und die deutsche Wiedervereinigung wurden durch gewaltfreie Politik von unten ("Montags-Demos", Runde Tische u.a.) eingeleitet: "Wir sind das Volk!"

Viele Aktionen, u.a. ein „Menschenteppich", stoppte IDEE-Militärelektronikmesse Hannover

Tiefflüge über dem Bundesgebiet wurden nach jahrelangen Protesten (Luftballonaktionen!) eingeschränkt

Wyhl - 12 Jahre Widerstand (v.a. Platzbesetzung 1975) verhinderten schließlich den Bau des ersten deutschen Atomkraftwerks

„Die Freie Republik Wendland" verhinderte zusammen mit regelmäßigen Atommüll-Blockade-Aktionen in Gorleben zwar nicht das Zwischenlager, aber das Endlager für Atommüll und die Plutoniumfabrik

Erfolge der deutschen Anti-AKW-Bewegung: über 80 geplante Atomkraftwerke wurden nicht gebaut, AKW-Export reduziert, die Plutoniumfabrik Wackersdorf verhindert, der Schnelle Brüter Kalkar ist heute Freizeitanlage

'Positiver Einbruch": Nach Tschernobyl wurde ein Güterzug in Frankfurt aufgebrochen, um verstrahltes Milchpulver „aus dem Verkehr zu ziehen"

Castor-Widerstand schuf Öffentlichkeit für gefährliche Atomtransporte

Polnische Gänse „flogen" aus Supermarkt zurück ins hungernde Polen...

Die „Bundschuh"-Bauern am Boxberg wehrten sich erfolgreich gegen Enteignung für Daimler-Teststrecke (1988)

Bürgerinitiativen verhinderten US-Hubschrauberlandeplatz im Raum Fulda (80er Jahre)

In Brunskappel (Sauerland) verteidigten Bewohner gerichtlich ihr Dorf, das durch eine Talsperre zerstört werden sollte ("Auf, auf zum fröhlichen Klagen!")

Bauern und Friedensgruppen bewahrten 1985 in Mainz-Finthen 60 ha Obstbauland davor, Militärgelände zu werden

Im Westallgäu verlegten Bäche, die zwangskanalisiert werden sollten, plötzlich ihr Bachbett...

Trachtendemos in Bonn - nach jahrelangem Widerstand gegen die Westallgäuer Autobahn wurde sie zur Bundesstraße zurückgestuft

Atomraketen verschrottet - 1986 INF-Vertrag nach sieben Jahren Widerstand gegen Pershing II und Cruise missiles - In Westdeutschland wurden wegen gewaltfreier Blockaden Zehntausende verurteilt, 200 kamen ins Gefängnis - nachträglich sämtlich freigesprochen!

Fantasievolle Aktionen in Mutlangen und im Hunsrück: Erntedank-, Senioren-, Konzert-, Tanz-Blockaden, Baukran-Besetzung ‚ Friedensmanöver parallel zum Raketenmanöver...

„Pflugschar"- Pflanzaktionen verwandelten in den Atomraketendepots „Todesland in Lebensland"; Gefängnisstrafen für „Hausfriedensbruch"

„Schwerter zu Pflugscharen": als das Tragen des Friedens-Symbols auf der Kleidung verboten wurde, schnitten viele DDR-Bürger*innen das Abzeichen heraus und trugen das Loch als Friedenszeichen...

Über Nacht wurden in den 1980er Jahren tausend NATO-Atomminenschächte entlang der DDR-Grenze von unbekannt zubetoniert



Sammlung von Ereignissen in Europa
Sammlung von Ereignissen in Nordamerika
Sammlung von Ereignissen in Lateinamerika
Sammlung von Ereignissen im 20. Jahrhundert

Weltkarte der Gewaltfreiheit / Weltkarte der Hoffnung - Ereignisse in Europa



1950er In Sizilien setzte der 'sanfte Rebell' Danilo Dolci mit Fastenaktionen ein Programm gegen Hunger und Elend durch, fastete gegen den Terror der Mafia und organisierte einen 'umgekehrten Streik': Arbeitslose bauten ohne Lohn eine notwendige Straße in der Region und erreichten damit eine Finanzhilfe für das Projekt

Schottland 1957: Raketenbasen wurden nicht gebaut wegen der Weigerung der Handwerker-Gewerkschaften

1968 Prag: „Prager Frühling" durch gewaltfreie Mittel herbeigeführt - auch beim Einmarsch konnten die Russen die Stadt nicht wie geplant einnehmen, Gespräche bremsten Panzer - und viele Straßenschilder waren vertauscht...

1972-1974 Mitten in einer bürgerkriegsähnlichen Situation auf Zypern mit Kämpfen zwischen Türken und Griechen bauten Jugendliche beider Völker gemeinsam ein Dorf wieder auf (Projekt der 'World Peace Brigades')

1977 verhinderte eine Platzbesetzung den Bau eines Bleiwerks in Marckolsheim im Elsaß - als der Zaun gebaut werden sollte, sprang die Bevölkerung in die Bohrlöcher

Reisen durch Mauern: „Bürgerdiplomaten" überquerten den 'Eisernen Vorhang', Quäker bereiteten u.a. durch heimliche Treffen zwischen Nachwuchsdiplomaten der verfeindeten Mächte die Ost-West-Öffnung vor

Mitten im Kalten Krieg der 80er Jahre arbeiteten in der damaligen UdSSR elf „Trust"-Gruppen heimlich für den Aufbau von Vertrauen zwischen UdSSR und USA; sie veranstalteten z.B. Ideenwettbewerbe zum Feindbildabbau.

Vor den Atomraketen in Mutlangen trafen sich im 'Kalten Krieg' russische und amerikanische Friedensarbeiter*innen zur 'Wurzelkonferenz statt Gipfelkonferenz' und pflanzten einen Baum

Anfang der 1980er Jahre Holland: Die Gruppe „Onkruit" ("Unkraut") drang ins Verteidigungsministerium ein, schweißte die geheimen Militärpläne aus dem Panzerschrank und streute sie aus dem Fenster in die Öffentlichkeit

1980er Jahre Italien: große Friedensbewegung am Stationierungsort der Cruise-missiles-Atomraketen in Comiso - 7000 italienische Kleriker rebellierten gegen die Kriegsvorbereitungen. - Kein AKW.

England: 300 Städte atomwaffenfrei. - Greenham Common: erste Menschenkette um Atomraketendepot. - Junge Engländer verhinderten mit einem Hard-Rock-Konzert Großmanöver.

'Lucas Aerospace': englische Arbeiter entwickelten einen exakten Plan zur Umstellung ihres Betriebs von Rüstung auf 150 sozial nützliche Produkte

1983: Englische Seeleute-Gewerkschaft boykottierte Atommüllversenkung

Schweiz: AKW Kaiseraugst verhindert. - Bewegung 'Schweiz ohne Armee'

Österreicher sorgten mit Beharrlichkeit dafür, dass ihr einziges Atomkraftwerk Zwentendorf nicht in Betrieb ging

Norwegen 1986: Umweltschutzbewegungen luden ihre Regierung vor ein eigenes 'Umweltgericht', verurteilten sie für ihre Umweltsünden und erlegten ihr 'Bewährung' auf. - Bei Prozessen gegen Totalverweigerer hielten sie selbst ein 'ethisches Gericht'. Als einer verurteilt wurde, besetzten Friedensleute das Gefängnis

‚Pflugschar-Aktion‘ in Schweden: eine pazifistische Angestellte des Verteidigungsministeriums schlug auf einem Schiff symbolisch mit dem Hammer auf Waffenexporte für Indien, ließ sich verhaften und öffentlich verurteilen

Im schwedischen Kynneljäll hielten die Bewohner dreier kleiner Dörfer seit 1980 eine Dauerwache durch, um Probebohrungen für eine Atomanlage zu verhindern - »und sie werden niemals aufgeben«...

Stockholm 1989: Friedensarbeiter in Strahlenanzügen luden dampfenden Schweinemist vor dem Regierungsgebäude ab, um die heimliche Atommülllagerung im Meeresboden bei Stockholm „ruchbar“ zu machen

„Arche": Lebens- und Dorfgemeinschaften in Südfrankreich, in denen alle Lebensbereiche nach Prinzipien der Gewaltfreiheit ausgerichtet sind. Aktionen gegen Atomanlagen und Algerienkrieg, für politische Flüchtlinge, Kriegsdienstverweigerung und Toleranz

Larzac, Südfrankreich: zehn Jahre Widerstand der Bauern gegen Militärgelände; phantasievolle Aktionen, z.B. weideten sie ihre Schafe in Paris unter dem Eiffelturm. 1981 Erfolg!

In Südfrankreich fällt ein Strommast der Energiegesellschaft COGEMA, gegen deren Uranabbau sich die Winzer wehren, ganz plötzlich „von alleine" um

15 Jahre Widerstand verhindern in Frankreich den „Grand Canal" (- 1997)

Lange Zeit brütete der Widerstand gegen den „Schnellen Brüter" von Malville (Frankreich) - 1997 wurde der „Superphénix“ abgeschaltet

Der Unabhängigkeitskampf Estlands und Lettlands gegen die UdSSR Anfang der 90er Jahre hatte ohne Waffen Erfolg

CSSR 1990: Unabhängigkeit durch ausschließlich gewaltfreien Umbruch

„Solidarnosc"-Gewerkschaft in Polen setzte ihre Forderungen gewaltlos durch

1991 Als der Krieg in Kroatien das Dorf Mrkopalj zu erreichen droht, besucht ein Einzelner das serbische Nachbardorf, erreicht Abbau von Barrikaden und beugt Kampfhandlungen vor
Ausführlicher Bericht zu diesem Ergeignis

„Geistige Republik Zitzer“: ein ganzes Dorf verweigerte im Bosnienkrieg den Kriegsdienst - der selbsternannten „freien Republik" können Bürger aus allen Ländern unterstützend beitreten

„Saat des Friedens"-Kampagne: 15.000 Samenpäckchen mit persönlichen Friedensbotschaften an Menschen im Bosnienkrieg, „mit Umweg“ über das deutsche Außenministerium gesendet, um eine Forderungsliste mit Vorschlägen zur Beendigung des Krieges unübersehbar zu machen (1994) - Später Darlehen für Gemüsesamengärtnereien

Balkan Peace Teams: internationales Friedensprojekt bietet unparteiisch im ehemaligen Jugoslawien Kontakte, Hilfen, Räume, Schutz, Methoden zur Entfeindung und gewaltfreie Trainings für friedenswillige Personen und Gruppen beider Seiten an

1992 Portugal: 500 Jahre nach der Entdeckung Amerikas landet ein Indianer auf dem Flughafen von Lissabon und pflanzt eine Fahne auf: „Ich habe Europa entdeckt!“

In Moskau wurde 1997 ein versuchter Militär-Putsch „gewaltfrei, nur durch Zivilen Ungehorsam“ (so Boris Jelzin wörtlich) abgewehrt - Menschen stellten sich waffenlos gegen Panzer

Sammlung von Ereignissen in Deutschland
Sammlung von Ereignissen in Nordamerika
Sammlung von Ereignissen in Lateinamerika
Sammlung von Ereignissen im 20. Jahrhundert

Weltkarte der Gewaltfreiheit / Weltkarte der Hoffnung - Ereignisse in Nordamerika



1955 Die Amerikanische Bürgerrechts-Bewegung mit Martin Luther King erreichte mit gewaltfreien Märschen und Aktionen die 'Civil Rights' (Bürgerrechte), die die schwarze Bevölkerung rechtlich gleichstellte - u.a. bei Wahlen und in bisher „weißen“ Schulen, Unis, Bussen, Kneipen, Arbeitsplätzen, Wohnvierteln. Aktionen z.B. Boykotts und 'Go-ins': Schwarze und Weiße gingen gemeinsam zur Wahl und betraten Behörden und Lokale, die für Schwarze verboten waren. - King wurde 1

1968 blockierten Indianer die Brücke über den St.-Lorenz-Strom für weiße Reisende und erreichten damit Aufhebung von Repressalien

1970 „Tag der Erde" in USA (22. April): 600.000 Demonstrant*innen bewirkten Umweltgesetzgebung (seither jährliches Ereignis, seit 1990 weltweit)

1971 Bangladesh-Krieg: in US-Häfen stoppten Pazifist*innen mit kleinen Kanus große Schiffe voller Waffenlieferungen, färbten das Meerwasser blutrot, errichteten mitten in Washington „Elendslager" und lösten damit eine Bewegung aus, die zur Beendigung des Kriegs führte

1978 „Marsch der gebrochenen Verträge": Demonstration der Indianer gegen die Menschen(un)-rechtspolitik des »Weißen Häuptlings in Washington«

„Pflugschar“-Aktionen: während des Vietnamkriegs machten in den USA Priester und Nonnen Einberufungsakten unbrauchbar, indem sie sie teils verbrannten, teils mit ihrem eignen Blut übergossen

Anti-Vietnamkriegs-Bewegung in USA - v.a. Befehlsverweigerungen, hunderttausende Deserteure, Veteranen, die ihre Orden auf die Stufen des Capitols warfen - verkürzten die Kriegsdauer „um mindestens 5 Jahre"

Weigerung von mehr als der Hälfte aller US-Wissenschaftler, an SDI (Weltraumbewaffnung) mitzuarbeiten (Mitte 1980er Jahre)

Anfang der 80er Jahre: Nonnen besetzten die Chefetage eines Rüstungskonzerns

„Reissäckchen-Aktion“ trug im Koreakrieg dazu bei, dass die USA gegen China nicht die Atombombe einsetzten: 45.000 Amerikaner*innen sandten Getreidesäckchen an ihre Regierung mit der Forderung, dem chinesischen Volk Nahrung statt Atombomben zu schicken (Versöhnungsbund-Aktion)

AKW-Baugelände-Besetzung USA - Seabrock: 18 Atomkraftgegner*innen steigerten durch Weitersagen die Teilnehmerzahl auf 180, dann auf 18.000, schließlich auf über 200 000, besetzten auch die Wallstreet-Börse... Seit 1978 AKW-Baustopp in USA

Seit 1982 „Sanctuary"-Bewegung in USA, gibt lateinamerikanischen Flüchtlingen Zuflucht vor Abschiebung (und wird dafür vor Gericht gestellt)

„Ethik-Fonds": Investment-Fonds, die nur bei Firmen investieren, die nichts mit Umweltzerstörung oder Unrecht in der „Dritten" Welt zu tun haben (gegründet in USA während des Vietnamkriegs)

Schienen-Besetzung vor Atomraketentransporten -„Beten vor Bombenzügen"

„Witness for Peace": an der Grenze von Nicaragua 80er Jahre Dauerpräsenz internationaler Friedensleute - im Fall einer US-Invasion hätten sie sich als „lebende Mauer aus unbewaffneten Menschen" entgegengestellt; ein Friedens-Alarmnetz hätte gleichzeitig in den USA 'gewaltfrei mobilgemacht' mit Besetzung von Parteibüros u.a. (500.000 Selbstverpflichtungserklärungen)

Sammlung von Ereignissen in Deutschland
Sammlung von Ereignissen in Europa
Sammlung von Ereignissen in Lateinamerika
Sammlung von Ereignissen im 20. Jahrhundert

Weltkarte der Gewaltfreiheit / Weltkarte der Hoffnung - Ereignisse in Lateinamerika



1931 Chile: Generalstreik führt zum Sturz des Diktators Carlos Ibanez del Campo

1933 Cuba: Diktator Gerado Machado y morales durch Generalstreik gestürzt

1944 Guatemala: Diktatorsturz durch Generalstreik (Jorge Ubico)

1946 Haiti: Diktator Elie Lescot durch Generatstreik gestürzt

1951 Panama: durch Generalstreik gewaltfreier Sturz des Diktators Arnulfo Arias

1956 Haiti: durch Generalstreik gewaltfreier Sturz des Diktators Paul Magliore

1957 Columbien: durch Generalstreik gewaltfreier Sturz des Diktators Gustavo Rojas Pinilla

1968 Die mexikanische Landarbeiterbewegung (mit Cesar Chavez) setzte ihre Rechte durch eine jahrelange Boykott-Kampagne durch (Traubenboykott 1960er Jahre). Motto: „Es ist möglich!"

1974 São Paulo: Siebenjähriger Streik der Zementarbeiter von Perus setzte gerechte Löhne und menschliche Arbeitszeiten durch - „Firmeza permanente" (Ausdauer, Festbleiben)

An 1977 Buenos Aires: Jahrelange wöchentliche Mahnwachen der „Madres de Plaza de Mayo- Mütter der Verschwundenen" auf der. Plaza de Mayo vor dem Regierungssitz erreichen in den 80er Jahren Gesetze gegen das 'Verschwindenlassen' und verheimlichten Mord

Seit 1981 „Peace Brigades International" begleiten und schützen bedrohte Personen, vor allem in Lateinamerika

1949 Costa Rica schafft als erstes Land der Welt die Armee ab

1974 Lateinamerikanische gewaltfreie Bewegung „Servicio Paz y Justicia“, auf Initiative des Internationalen Versöhnungsbunds gegründet, organisiert gewaltfreie Trainings, Aktionen, Menschenrechtsarbeit und Bildung vieler gewaltfreier Gruppen
In Lateinamerika gibt es über 30 000 gewaltfreie Gruppen

1976 Brasilien: gewaltfreier Kampf der Bauern von Mucatú um 10200 Hektar Land hat Erfolg

1977 Bolivien: Vier Bergarbeiterfrauen beginnen nach der Verhaftung ihrer Männer eine Fastenaktion in der Hauptstadt und erreichen, dass mehrere hundert politische Gefangenen sämtlich freigelassen werden

1965 Nicaragua: gewaltfreie Gemeinschaft der Bauern von Solentiname (mit Ernesto Cardenal); wurde nach Übergang zu bewaffnetem Kampf zerstört

1975 Alagamar (Brasilien): 700 Bauernfamilien wehrten sich gegen Vertreibung, indem sie das Land bepflanzten. Bischöfe der Befreiungskirche vertrieben mit ihnen das Vieh der Landherren von den Pflanzungen. Auch in Venezuela, Paraguay, Peru, Kolumbien, Chile, Brasilien und anderen südamerikanischen Ländern eroberten sich Bauerngemeinschaften ihr Land durch Pflanzen zurück. Aktionen z.B.: ein ganzes Dorf zeltete vor dem Regierungssitz

1988 Chico Mendes verlor sein Leben, um den Regenwald zu erhalten

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Sammlung von Ereignissen in Nordamerika
Sammlung von Ereignissen im 20. Jahrhundert

Weltkarte der Gewaltfreiheit / Weltkarte der Hoffnung - Ereignisse im 20. Jahrhundert



20. Jahrhundert, international

Um 1900 bewahrte Finnland seine Unabhängigkeit von Russland durch Gehorsams- und Kriegsdienstverweigerung - alle Männer verschwanden in den Wäldern...

1905 verhinderte ein Aufruf zur Kriegsdienstverweigerung einen Krieg zwischen Norwegen und Schweden

1909 wurde der spanische Krieg gegen Marokko abgebrochen, weil die Arbeitergemeinschaft (Aufruf Ferrer) in den Generalstreik trat

1906, Gandhi in Südafrika: erste bewusst gewaltfreie Aktionen (z.B. Passverbrennung); Januar 1908: Gandhi bildet dafür das neue Wort „satyagraha“ = „die Kraft, die aus Wahrheit und Liebe geboren wird“; 1913 Idee einer gewaltfreien Armee

1914 - der Eintritt Spaniens in den Ersten Weltkrieg wird durch eine Million Arbeiter verhindert

1918 weigern sich deutsche Matrosen, einen Verzweiflungskampf trotz Waffenstillstands auszuführen

1918 Gründung von SCI - Service Civil International: Jugendliche aus verschiedenen Ländern arbeiten gemeinsam in Friedensprojekten - »dann werden sie nicht aufeinander schießen«

1919 - die Besatzung von fünf Kreuzern der französischen Schwarzmeerflotte verweigerte den Dienst und verhinderte damit den Angriff Frankreichs auf die Sowjetunion

1919 Weigerung englischer Arbeiter, ein Schiff (»JolIy George«) mit Munition für Polen zu beladen

Seit 1919: Der von Gandhi in Indien initiierte Massenwiderstand gegen die englische Kolonialmacht umfasste außer Fasten und fantasievollen Aktionen (z.B. Salzmarsch) vor allem auch Abbau des Kastenwesens und Aufbau von Unabhängigkeit durch Selbstversorgung

1920 Generalstreik und viele Formen der Verweigerung von Zusammenarbeit verhinderten den Erfolg des „Kapp-Putschs" und damit den Sturz der Weimarer Republik

1920 Krieg zwischen England und Russland wurde verhindert, weil die englische Arbeiterschaft den Waffentransport verweigerte und mit Generalstreik drohte

1920 Oberschlesien - Verhinderung eines Munitionstransports durch die Arbeiterschaft während des russisch-polnischen Krieges

1923 "Ruhrkampf: durch den unbewaffneten Widerstand gegen die belgische und französische Besatzung wurde das Rheinland nicht von Deutschland abgespalten; die Truppen konnten die Kohlelieferung (Kriegsreparationen) nicht erzwingen

1934 »Bleib-drin-Streik«: 1934 fasten mehr als 1000 Bergarbeiter in ihrer Mine in Pécs (Ungarn)

1950 Helgoland als Abwurfziel für britische Bombardierungsübungen, wird seit 1950 von verschiedenen Gruppen, darunter 99 Jugendlichen, wochenlang besetzt. Die Briten geben die Insel frei

1950 Landschenkungsbewegung in Indien: Vinoba Bhave erreichte Anfang der 1950er Jahre eine freiwillige Umverteilung großer Landmengen an die Ärmsten und die gesetzliche Aufhebung des Großgrundbesitzes

Seit 1950 Tibet: konsequent gewaltfreier, spiritueller Widerstand gegen chinesische Besetzung

Ab 1952 Sit-ins und Go-ins: Schwarze besuchen Orte die für Schwarze damals verboten waren, z.B. verbotene Amtsgebäude als Aktion für Rassengleichheit, 1952 in Südafrika, 1960 in den Buckinghampalast

1958 Beginn der Ostermarschbewegung

1958 Sahara: Wüstenfahrt stoppte geplanten Atombombentest

1958 Japan: Hafenarbeiter von Yokohama weigern sich, ein Schiff mit Schweizer Raketen zu entladen

1958 Schiffsfahrten im Südpazifik gegen Atombombentests

1959 Bootsfahrt des „Comitee for Nonviolent Action" in die Atomsperrzone im Südpazifik

Seit 1960 Landrechtsbewegung im Inselstaat Vanuatu: Landbesetzungen gegen den Landraub der französischen Kolonialherren. 1981: die Unabhängigkeitsbewegung verbietet einem atomwaffenbestückten Schiff das Anlegen

1965 Zehntausend Japaner besetzen ein Ackerland bei Tokio, das als US-Flugplatz für 11-Bomber vorgesehen ist

1970 Gründung von "Wahat al-Salam / Neve Shalom" – Dorfprojekt "Oase des Friedens" in Israel, in dem jüdische und palästinensische Jugendliche zusammenwohnen, mit Friedensschule, Begegnungsprogramm

1971 „Green ban": australische Arbeiter verhinderten durch organisierte Arbeitsverweigerung 42 umweltzerstörende Großbauprojekte, u.a. ein Atomkraftwerk bei Melbourne

1973 „Chipko"-Bewegung: Anfang des Jahrhunderts umarmten Inder*innen (hauptsächlich Frauen) Bäume, um sie vor dem Fällen zu bewahren - 1980er Jahre Wiederaufleben dieser Tradition

1977 Australien: Gewerkschafter stoppen Urantransporte, indem sie sich auf die Bahnschienen legen

1979 Iran: Sturz des Schahregimes im Wesentlichen durch unblutige Unruhen und Generalstreik

1981 Südpazifikinsel Belau: erste atomwaffenfreie Verfassung der Welt (US-Bestechungsgelder an die Bewohner, damit sie dagegen stimmten - die nahmen das Geld und stimmten trotzdem dafür...)
Der Bau der chinesischen Atombombe wurde jahrelang verhindert durch ein internationales Netzwerk für die atomtestgeschädigte Südsee-Bevölkerung

1985 Australien, Regenwaldabholzung: vor Baggern graben sich Umweltschützer bis zum Kopf in Erde ein

Indianischer Überlebenskampf gegen radioaktive Verseuchung, Vertreibung und Ausrottung hat vielfältige juristische, kulturelle und spirituelle Formen

1985 Neu-Kaledonien: Einwohner gehen unbewaffnet auf die Truppen der französischen Kolonialmacht zu, nehmen ihnen die Gewehre ab und zerbrechen sie über dem Knie

1986 Philippinen: der überraschende Sturz des Diktators Marcos wurde durch Einübung gewaltfreier Methoden und Aktionen vorbereitet

1986 Silent Valley in Kerala (Indien): Aktionen vieler engagierter Gruppen bewahrten 1000 ha tropischen Wald vor Vernichtung durch einen Staudamm

1986 Ostindien: bei Baliapal sperrt die Bevölkerung ihr Gebiet für Regierungsvertreter, damit es nicht zum 'Nationalen Testgelände für Raketen' wird. Sie hält den Regierungschef 10 Stunden fest; fängt einen Offizier, der vom Meer her eindringen will, und versucht, einen eigenen Staat mit Selbstversorgung aufzubauen

1987 Aktion „Schwarze Flut": Die Bewohner Neu-Kaledoniens besetzen ihren eigenen Strand, der bis dahin Weißen vorbehalten war

Grönland: sogar im „ewigen Eis" gewaltfreie Aktionen gegen Naturzerstörung - z.B. Hundeschlittenblockade...

In Tasmanien wurde ein landschaftszerstörendes Wasserkraftwerk verhindert

1991 Madagaskar wird durch CODAG und 'Forces vives' von Diktatur befreit

Trotz der Apartheid und Kämpfen in Südafrika bildete sich eine Lebensgemeinschaft von Schwarzen und Weißen: die „Broken Wall Community"

1991 Burkina Faso: erste freie Wahlen und Entmachtung des Militärregimes
62 Völkerschaften in Burkina Faso leben friedlich zusammen durch traditionelle Methode „Rakiiere" (scherzhaftes Schimpfen)

1994 Ende der Apartheid in Südafrika (Nelson Mandela)

1996 Stopp der Atomtests im Mururoa-Atoll durch Greenpeace

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Freitag

Nonviolence Works! - Original brochure from 2010

In 2010 the brochure "Nonviolence Works!" was published by a collaboration from the english branches of:

Baptist Peace Fellowship
Fellowship of Reconciliation
Pax Christi

You can find a german translation - here
Hier findet man die deutsche Übersetzung







Kleine Wahrheitserfahrungen in der Armee

Jean-Baptiste Libouban:

In den Jahren 1958-59 mußte ich aufgrund gesetzlicher Verpflichtung einige Monate in den Reihen der französischen Armee verbringen, während der Algerienkrieg tobte.
Kriegsdienstverweigerung war zu dieser Zeit in Frankreich nicht anerkannt. Ich konnte, nicht ohne Kampf übrigens, einen Status als Sanitäter ohne Waffe bekommen. Diese Monate in der Armee waren sicherlich die reichsten meines Lebens an gewaltfreien Abenteuern. Es war ein idealer Ort zur Erprobung der Kraft der Wahrheit, des Widerstands gegen die täglichen Ungerechtigkeiten, die in dieser Art von Institution häufig vorkamen. Ich versuchte die Kraft des Nein, aber auch die Kraft des Ja, die ganz genauso wichtig ist. Kaum verging eine Woche, in der ich nicht konfrontiert wurde mit Situationen, die es mir einbrachten, auch Militärgefängnisse kennenzulernen, unter anderem das der Kaserne von Reutlingen, wo ich im Sommer 1958 einige Tage verbrachte.

Ich fand Freude daran, Mißbräuche anzuzeigen und diejenigen solidarisch zu unterstützen, die man verfolgte oder bestrafte aus dem einzigen Grund, damit die große Maschine des passiven Gehorsams zur Demütigung laufen konnte. Vor allem seit der Zeit, als ich Sanitäter wurde, und besonders in Algerien stellte ich mich zum Dienen ein und darauf, meine Zeit zu geben ohne zu rechnen, um die Kranken zu pflegen. Außerdem gibt es nichts Befriedigenderes als gute Arbeit zu leisten.
Diese Kraft des Ja wird in der Armee genauso wenig praktiziert wie die andere (d.h. die Kraft des Nein). Die Militärpflicht war nicht nach dem Geschmack meiner Kameraden. Einerseits, angesichts der Schikanen, versuchten sie sich ruhig zu verhalten, um ihre Lage nicht zu verschlimmern. Andererseits gehörte es - dazu passend - zum guten Ton, sich möglichst wenig zu kümmern und zu versuchen, sich gut Zeit zu gönnen. Dieser gängigen Trägheit begegnet die Armee im Allgemeinen mit Zwang und großen Abhandlungen über die Ehre, die Verteidigung der Interessen der Nation und das Pflichtbewußtsein.

Ich verhielt mich also dauernd im Gegensatz sowohl zu den Militärs, als auch zu den Kameraden. Wegen der Arche und der Gewaltfreiheit hatte meine Haltung direkten Zugriff auf die Ereignisse, und zwar ohne jede Rede gegen den Militarismus oder den Kolonialismus. Auf diese Weise kam die Kraft der Wahrheit ins Spiel, weil ich zum Wesentlichen kam.
In den letzten sechs Monaten meiner Zeit in Algerien, angesichts meiner Aktivität im Krankenhaus, bot mir die Armee eine Ausbildung als Unteroffizier des Sanitätscorps an. Als ich dies zurückwies, schlugen sie mir vor, wenigstens Soldat erster Klasse zu werden. Die Armee hielt uns zu dieser Zeit über die gesetzlich verpflichtende Zeit hinaus unter den Fahnen, um eine bedeutende Truppe in Algerien halten zu können. Nach dieser gesetzlichen Verpflichtungszeit bekamen wir den gleichen Sold wie die Freiwilligen; im Dienstgrad aufzusteigen bedeutete also sicher zu sein, eine bedeutende Geldsumme zu bekommen - kein Vergleich zu dem, was ein einfacher Soldat erhielt.
Zu ihrem großen Bedauern hatte ich keine andere Antwort, als ihnen lächelnd zu sagen, daß ich ihr Gefangener sei. Es war mir daher unmöglich, die Ehre und die Vorteile, die sie mir als Anerkennung meiner Dienste anboten, anzunehmen.

Dabei hätte es bleiben können. Aber so kam es nicht. Zu meiner großen Überraschung kündigten sie mir einen Monat vor dem Ende meiner Zeit an, sie gewährten mir einen Monat Erholung am Meer. Außerdem strichen sie die Monate Zusatzdienst, die ich wegen meiner Zeit im Gefängnis hätte anhängen müssen, weil sie nicht als Dienstzeit gerechnet wurden.
Hier, in diesen kleinen Aktionen habe ich die Kraft der Wahrheit begriffen. Unter der Offiziersmütze existiert ein Mensch, der eine Haltung als gerecht und wahr verstehen kann - viel mehr als man zu glauben geneigt ist. Es war übrigens nicht der einzige Fall dieser Art, den ich traf während jener Zeit, die ich in der französischen Armee verbrachte.

Bergarbeiterfrauen in Bolivien: “Befreiung aller Gefangenen!”

Nach sieben Jahren Militärdiktatur versprach am 22. Dezember 1977 Boliviens Präsident General Banzer anlässlich bevorstehender Wahlen eine Generalamnestie für politische Gefangene. Von dieser aber wurden 348 ausgeschlossen.
Aus der Zinnminenstadt Llallagua kamen am 28. Dezember vier Bergarbeiterfrauen, deren Männer von der Amnestie ausgeschlossen waren, mit ihren insgesamt 14 Kindern in die Hauptstadt La Paz, entschlossen, für die Freiheit der Gefangenen in einen unbefristeten Hungerstreik zu treten. Ihre vier Forderungen: Generalamnestie ohne Einschränkung; Wiederaufnahme aller entlassenen, gefangenen oder exilierten Bergarbeiter in ihre früheren Arbeitsstellen; Rückkehr aller Exilierten (ca. 17000 Personen) und Aufhebung der Besetzung der Bergbauzonen durch die Armee.

Nach Abweisung von der “Permanenten Versammlung für die Menschenrechte”, die eine derartige Aktion für unwirksam hielt, wurden sie im Haus des Erzbischofs Mons. Manrique aufgenommen. Drei Tage später schließen sich zwei weitere Gruppen von elf Personen dem Fasten an, das sie in einer Kirche und am Sitz der unabhängigen katholischen Zeitung “Presencia” durchführen. Solidaritätserklärungen kommen am selben Tag von der Gewerkschaftsföderation der Bergleute, der Frauen-Union Boliviens, dem Interfakultären Komitee der UMSA, der katholischen Kirche und der Permanenten Versammlung für die Menschenrechte. Diese lösen eine Welle der Zustimmung über das ganze Land aus.
Beauftragte der Ministerien suchen die Frauen auf und versprechen, “ihre Fälle” zu revidieren. Die Frauen bestehen dagegen auf der Erfüllung aller Forderungen, da es ihnen nicht nur um die eigenen Familien gehe.

In vielen Städten entstehen Unterstützungskampagnen, am 10. Tag fasten allein in La Paz 300 Personen mit, die meisten im Lande fasten in Kirchen. Universitäten, Betriebe und Minen streiken für kürzere oder längere Zeit, um ihre Solidarität auszudrücken. Expräsident Salinas, der mitfastet, leitet ein neu gebildetes Verhandlungskomitee. Die Regierung weist jedes Verhandlungsangebot zurück, bezichtigt die Streikenden der Subversivität und organisiert Gegendemonstrationen. Wegen der anhaltenden Solidaritätskundgebungen versucht General Banzer über den Erzbischof einen Kompromiss durchzusetzen, der aber von den Fastenden zurückgewiesen wird. Um die Koordinierung des Widerstandes zu behindern, organisiert daraufhin die Regierung über von ihr beauftragte Gewerkschaftskoordinatoren einen Streik, der den Verkehr lahm legt.
Schließlich kommt es doch zu Verhandlungen. Die Regierung bricht diese am Abend des 20. Fastentages ab.

In den frühen Morgenstunden des 21. Tages (17. Januar 1978) besetzt die Polizei viele Orte, an denen sich Fastende aufhalten, außer dem Haus des Erzbischofs, und führt sie z.T. in Krankenhäuser, z.T. in Polizeistationen ab. Das ruft Empörung hervor, immer mehr Menschen solidarisieren sich: 1200 Personen fasten. Der Erzbischof protestiert gegen die Übergriffe gegen die Kirche, exkommuniziert die dafür Verantwortlichen und kündigt gemeinsam mit anderen Bischöfen des Landes eine dreitägige Schließung aller Kirchen an, auch ein Sonntag ist davon betroffen. Gegen Abend ist die Regierung zur Fortsetzung der Verhandlungen bereit, um 23 Uhr wird ein Abkommen erzielt, das alle Forderungen der Fastenden erfüllt, um 23.30 Uhr wird das Fasten beendet, die große Mehrheit der Gefangenen und Verhafteten wird sofort entlassen und die erkämpften Rechte Schritt für Schritt verwirklicht.

(Nach: Hildegard Goss-Mayr [Hrsg.]: Geschenk der Armen an die Reichen. Zeugnisse aus dem gewaltfreien Kampf der erneuerten Kirche in Lateinamerika. Wien, 2. Auflage 1980, S. 123 - 126)

„Was habe ich dir getan?“ - Der Mann mir der Pistole

Er fuchtelte mit der Pistole „Was willst du von mir?“
Am 6. Mai 2001 traf ich im Zug zwischen Hamburg und Essen einen jungen Mann, etwa Mitte 20, einen Russen. Wir kamen ins Gespräch. Ich erzählte ihm von der Gütekraft, auch einige Beispiele gütekräftigen Verhaltens. Daraufhin erzählte er mir das folgende Erlebnis. Er schrieb es auf meine Bitte hin auf Russisch auf und wir übersetzten es gemeinsam. Er nannte mir seinen Namen, will diesen aber nicht erwähnt wissen.

„Ich war mit einem Freund in einer Kneipe. Es war mein erster Barbesuch in Deutschland. Wir hatten nicht vor, lange zu bleiben. Wir hatten nichts zu tun.
Wir gingen in die Bar. Sahen einige Leute, die da saßen und tranken. Manche von ihnen unterhielten sich mit dem Barkeeper, der auch aktiv mittrank. Ich weiß nicht, wie viel der Barkeeper getrunken hatte, bevor wir kamen, aber mit uns zusammen trank er sehr viel.
Zugleich machte dieser Mann eine Show hinter der Bar. Er zerbrach Gläser und ging barfuß über die Scherben. Natürlich verletzte er sich. Als wir schon fast Freunde waren, zog er eine Pistole und richtete sie gegen mich, vor meine Stirn. Ehrlich gesagt, dachte ich in diesem Moment nicht, dass die Pistole echt wäre. Für mich war einfach spannend, was er von mir wollte.
Nun begann dieser Barkeeper, mir von seinem Leben zu klagen und er beschuldigte mich, dass „meine Organisation“ ihn verfolge. Er erzählte so sicher, wie er für nichts und wieder nichts in Polen verwundet worden war. Und sagte, dass er mit dem Zweiten Weltkrieg nichts zu tun hätte, dass er sich nicht schuldig fühlen könne für das, was seine Eltern getan haben. Jede dieser Tiraden beendete er mit zwei Fragen: „Was habe ich dir getan?“ und „Was willst du von mir?“ Und dabei fuchtelte er mit der Pistole herum. Auf beide Fragen antwortete ich natürlich: „Nichts.“
Schließlich blieb mir nichts anderes übrig als ihn völlig betrunken zu machen, bis er in der Verfassung war: „Du bist mein bester Freund!“ Er gab mir die Pistole. Sie war echt. Ich brachte sie in Sicherheit. Später kam die Polizei, weil sich Menschen beschwert hatten, dass es zu laut wäre. Dann verließ ich mit meinem Freund schleunigst das Lokal.“

Martin Arnold

„Gütekraft und Glauben“ - Bericht über ein Gruppengespräch

„Gütekraft und Glauben“
Bericht über ein Gruppengespräch von Quäkern nach Gütekraft-Referat von Martin Arnold
Langenburg, im Mai 2000

Zunächst gingen wir auf das Impulsreferat von Martin Arnold ein, in dem jeder aussprach, was ihm persönlich aus diesem Referat bemerkenswert war. Hier einige Gedanken aus dieser Gesprächsrunde:
- Die Menschheit steckt große Anstrengungen in Konflikte und deren meist mit Gewalt verbundenen Lösungen. Wir sollten lieber unsere Kraft darauf verwenden zu erforschen, wie wir durch gewaltfreie Aktionen solchen Konflikten begegnen können, ja sie erst gar nicht entstehen.
- Zwischen den Konfliktpartnern kann eine Beziehung hergestellt werden, mit Martin Bubers Worten ausgedrückt ein „Zwischenmensch“ entstehen.
- Vorraussetzung für eine gütekräftige Konfliktlösung ist eine Haltung, die positive Energie beinhaltet, die uns fähig macht, mitzutragen, mitzuleiden, Risiko auf sich zu nehmen. Das daraus resultierende Verhalten hat eine verändernde Kraft auch ohne Garantie auf Erfolg
- Diese grundlegende Haltung ist nicht ohne Gewissen oder Glauben möglich; ein Glaube, zu wissen, nicht allein zu sein, daß etwas da, in uns ist, das wahr und richtig ist, alles weiß und uns spüren läßt, ob man richtig handelt.
- Diese Haltung bewahrt vor lähmender Angst, macht uns fähig mit Kreativität und Phantasie weitere Möglichkeiten zu finden für einen überraschenden Ausweg aus der Konfliktsituation. Das Wissen „es gibt immer noch eine andere Möglichkeit“ hilft!
- Gütekräftiges Handeln ist keine Ausnahme, sondern eine permanente Möglichkeit im Alltag dem Anderen zu begegnen.
- Letztendlich bleibt aber der Erfolg den Anderen mit meiner Gütekraft zu erreichen ein Geschenk – „der Geist weht wo er will“.

Schon in diesem ersten Gesprächsabschnitt wurde uns deutlich, wie vielschichtig wir den für uns zum größten Teil neuen Begriff „Gütekraft“ betrachteten.
Im Weiteren versuchten alle Teilnehmer bei sich nachzuspüren, ob es Erlebnisse gab, in denen „Gütekraft“ zugegen war:
- Eine Freundin berichtete:“ Wenn ich aus dem Meeting kam, waren alle so nett zu mir. Ich erkannte, es waren nicht die Anderen, sondern ich hatte aus dem Meeting etwas mitnehmen können, das den Anderen in einer besonderen Weise ansprach, ohne daß ich mich besonders anstrengen mußte. Es ist eine „himmlische Gütekraft“ oder auch „göttliche Kraft“ die unzerstörbar ist, im Gegensatz zur berechnenden „äußeren Kraft“ (=unsere Zivilisation)“
Auch wenn unserer Meinung nach gütekräftiges Handeln zugegen war, bleibt eine für uns positive Konfliktlösung ein Geschenk und an den folgenden Beispielen mit „Nicht-Erfolg“ haben wir viele Aspekte der Gütekraft herausarbeiten können.
- Eine wirklich ehrlich gemeinte Bitte um Verzeihung wurde nicht angenommen sondern niederschmetternd, ja verletzend abgewehrt.
- Einer anderen Freundin blieb der Zugang zur Konfliktpartnerin, trotz mehrerer Bemühungen, zunächst gänzlich verwehrt.
Dazu kamen uns folgende Gedanken:
- Jemandem verzeihen können heißt nicht, daß der Andere die Verzeihung auch annehmen kann.
- Wir müssen Geduld haben, „den Geist wehen lassen“, der Erfolg ist ein Geschenk und nicht programmierbar
- Wir können versuchen uns zurückzunehmen, uns auf eine „andere Stufe zu stellen“, das heißt versuchen eine andere Möglichkeit zu finden, bzw. dem Anderen auf einer anderen Ebene begegnen.
- Wir müssen lernen den Anderen in seiner Wahrheit erst einmal anzunehmen
- Güte kraft läßt sich mit reiner, unberechnender Liebe beschreiben, die spontan und gewaltlos ist und durch mich wirken kann
In unserem Gespräch wurde auch klar, daß es gerade kleine, oft im Verborgenen bleibende, Handlungen sind, die von Gütekraft Beispiel geben:
- ein verschenkter Fahrschein, der zu einem unerwarteten Augenleuchten bei der beschenkten Obdachlosen führte
- eine positive, offene Einstellung und ein freundliches Begegnen meines Gegenübers von dem ich weiß, daß er wütend auf mich ist, nimmt ihm den Wind aus den Segeln und gibt ihm die Möglichkeit mir ohne Abwehr zu begegnen.
- Kinder sind direkt und klar und handeln noch spontan gütekräftig

Das eigentliche Thema der Gesprächsrunde streiften wir immer wieder und gingen dann konkret darauf ein mit den Fragen einer Freundin: “Wie kann ich einen Gott ertragen, der einen Holocaust zuläßt?, der soviel Gewalt zuläßt?- wird „Glauben“ dadurch nicht fragwürdig?“
Zusammenfassend lassen sich unsere Überlegungen wie folgt darstellen: Wir haben die Freiheit der Entscheidung bekommen und müssen mit allen Konsequenzen leben, dürfen Gott aber nicht dafür verantwortlich machen. „Das von Gott“ ist im Opfer und im Täter, aber nicht automatisch in jedem lebendig.
Wenn wir die Kraft in uns wirken lassen, kann „Gutes heraufkommen“ und wird „Schlechtes heruntergedrückt“. Diese Kraft ist immer wieder neu erfahrbar, läßt uns Eins-Sein mit der Quelle und gibt uns ein Vertrauen des Getragenseins; das bedarf keiner bestimmten Religion.
Aus diesem Vertrauen, aus dieser Liebe, die ich erfahren habe, kann ich gütekräftiges Handeln entwickeln und ich empfinde bei der Rückbesinnung auf diese Geborgenheit ein großes Maß an Dankbarkeit. Auch wenn ich mich der Quelle nur annähern kann, sie nicht beim Namen nennen kann, gibt mir dieses Bewußtsein seine große Kraft. Kraft für reine und spontane Liebe zu meinem Nächsten, wie auch zu mir. Diese Liebe ist ohne Besitzansprüche und ohne Kopfbeteiligung sondern ganz aus der Quelle genähft. Tägliche Besinnung, Andacht und Meditation kann wie eine „Ladestation unserer Batterie“ sein, die Liebe und Gütekraft spendet.

Charlotte Haake (Quäkergruppe Stuttgart)

Der Mann im Wald: “Ihr sollt wissen...”

Ein junger Mann, der sich wegen seiner Kriegsdienstverweigerung Rat bei mir (M.A.) holte, erzählte von seinem Vater: Er ging in der Dämmerung im Wald, plötzlich verstellten ihm drei junge Männer den Weg: “Geld her!!” Er blieb stehen und warf ihnen sein Portemonnaie hin. Sie hoben es auf und öffneten es. Es war nicht viel Geld darin. Sie standen da, plötzlich zieht einer von ihnen ein Messer, sagt zu den anderen: “Wenn der uns verpfeift - ” und geht mit der Waffe auf den Mann los. Dieser bleibt stehen, ergreift sein Hemd vor der Brust und zieht es hoch. Er hält ihnen die nackte Brust entgegen und sagt: “Ihr könnt mich umbringen. Aber Ihr sollt wissen: Ich habe eine Frau und drei Kinder. Die sind auch davon betroffen.” Der andere lässt das Messer sinken, sie werfen ihm die Geldbörse noch hin und verschwinden.

Norwegen 1942: ”Ihr Lehrer habt mir alles verdorben!”

Vom Widerstand norwegischer Lehrer gegen die Naziherrschaft 1940 - 1943

Norwegen wurde im April 1940 von den Deutschen besetzt. Die Deutschen ernannten den pro-deutschen Norweger Vidkun Quisling zum neuen Regierungschef. Als die Deutschen die Gesetze nach NS-Grundsätzen umformen wollten, traten sämtliche Mitglieder des Obersten Gerichtshofes zurück. Eine Untergrundzeitung wurde in den fünf Jahren der deutschen Besatzung aufrechterhalten.
Im Februar 1942 machte Quisling den Versuch, einen korporativen Staat nach dem Muster Mussolinis zu gründen. Er begann bei der Lehrerschaft. Nach Aufhebung der ehemaligen Lehrerorganisation wurde eine neue mit dem Chef der Quislingschen Geheimpolizei an der Spitze gegründet.

Eine geheime Lehrerorganisation schlug den Lehrern vor, sich in vier Punkten zu widersetzen.
Am 20. Februar 1942 sandten etwa 9000 der 12000 norwegischen Lehrer eine handschriftliche Erklärung an das Unterrichtsministerium mit folgendem Wortlaut: "Ich erkläre, dass ich die Jugend Norwegens nicht nach den Richtlinien der Nasjonal Samling unterrichten kann, da ich dies mit meinem Gewissen nicht vereinbaren kann. Die Mitgliedschaft in dieser Organisation würde mich zwingen, auch andere Handlungen zu begehen, die im Widerspruch zu den Pflichten meines Berufes stehen. Ich sehe mich daher gezwungen zu erklären, dass es mir nicht möglich ist, mich als Mitglied der neuen Lehrerorganisation zu betrachten."

Am 25. Februar gab die Regierung Quisling bekannt, dass die Proteste der Lehrer als offizielle Amtsniederlegung angesehen und dass die Lehrer, wenn sie darauf beharrten, entlassen würden; das Unterrichtsministerium schloss unter dem Vorwand der Kohlenknappheit alle Schulen. Aus allen Teilen des Landes wurde daraufhin Heizmaterial angeboten, um den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten. Die offiziellen Zeitungen erwähnten nichts von dem Widerstand der Lehrer, aber die "Kohlenferien" verbreiteten die Nachricht überall. Das Unterrichtsministerium setzte eine Frist bis zum 15. März: Lehrern, die sich danach den Anordnungen der Regierung widersetzen würden, wurde mit dem Verlust ihrer Anstellung, ihres Gehaltes und ihrer Pension gedroht. Zehntausende, nahezu zehn Prozent aller Eltern Norwegens, protestieren dagegen schriftlich bei der Regierung.

Die Lehrer blieben hart. Nicht einer gab nach. Ab dem 20. März wurden Hunderte von Lehrern willkürlich herausgegriffen und verhaftet. Bei den Ostergottesdiensten verurteilten die Geistlichen diese Verhaftungen.
Die Lehrer wurden in ein Konzentrationslager nach Grini gebracht. Von einer nicht bekannt gegebenen Quelle - nicht von der Regierung - erhielten deren Familien den Gegenwert ihrer Gehälter für die ganze Dauer ihrer Internierung. Im Lager erließ die Regierung ein Ultimatum an die gefangenen Lehrer, aber nur drei lenkten ein. Die 687 Lehrer wurden in Viehwagen in ein anderes Konzentrationslager, etwa 200 Kilometer von Oslo entfernt, gebracht. Auf den Bahnhöfen versammelten sich die Kinder und sangen für sie bei der Durchfahrt des Zuges Lieder.
 Im neuen Lager wurden sie zu noch härterer Arbeit unter extremen Bedingungen und Schikanen und minimalster Ernährung gezwungen Nach zwei Tagen wurden 76 der älteren Lehrer zwischen 55 und 59 Jahren von den Lagerbeamten befragt, aber keiner gab nach.

An den meisten Orten Norwegens ließ die Regierung die Schulen am 8. April wieder öffnen. Die nicht inhaftierten Lehrer, die sich an diesem Tag zum Dienst meldeten, erklärten öffentlich, dass sie der neuen Lehrerorganisation von Quisling nicht angehörten und sprachen auch mit ihren Schülern über ihr Gewissen, vom Geiste der Wahrheit und von der Verantwortung, die sie trügen. Ein starkes Solidaritätsgefühl verband die gesamte Lehrerschaft.
Nach Tagen weiterer Einschüchterungsmaßnahmen im Lager fragte die Lagerleitung jeden einzelnen der Lehrer, ob er einen Widerruf des Protestschreibens unterschreiben würde. Von 637 Lehrern widerriefen 32. So wurden Demütigungen, Foltergymnastik und die Hungerrationen fortgesetzt. Auch verbreiteten die Behörden drohende Gerüchte, was mit den Lehrern bei weiterer Weigerung geschehen werde. Dennoch gaben die Frauen der Lehrer zu verstehen, dass sie ein Nachgeben ihrer Ehemänner nicht wünschten.

Erneut wurden die Lehrer weiter verfrachtet und in Kirkenes der Wehrmacht übergeben Diese zwang sie zu pausenloser Schwerstarbeit im Hafen. Ein Lehrer starb durch die Strapazen.
Die Deportation der Lehrer nach Kirkenes verhärtete die Stimmung und den Widerstandswillen der übrigen Bevölkerung Norwegens. Als Quisling am 22. März mit einer Gruppe von Lehrern in einer kleinen Stadt sprach, erging er sich in Drohungen, Ausfällen und Wutausbrüchen. Er schloss mit den Worten: "Ihr Lehrer habt mir alles verdorben!", und ließ sie verhaften. Am folgenden Tag begaben sich einige Lehrer, die bei der Unterredung nicht zugegen gewesen waren, zum Amtsgebäude und baten darum, mit den anderen gefangen gesetzt zu werden.
Ende August wurden 50 erkrankte Lehrer nach Hause gesandt. Am 16. September kehrte eine zweite Gruppe von rund 100 Männern aus dem Lager zurück. Am 4. November folgten die übrigen etwa 400 Lehrer nach acht Monaten härtester Zwangsarbeit. Man gestattete ihnen, ihre Lehrtätigkeit auszuüben, ohne dass sie ihre Grundsätze widerrufen mussten.
Über die Formen, die der Widerstand annahm, schrieb später einer der Führer, Diderich Lund, dass der wirtschaftliche Widerstand Norwegens völlig zusammenbrach. Sabotage war nur in geringem Masse wirksam, und die Geheimtätigkeit war ebenfalls nicht so wirksam wie die stolze, gerade Offenheit und das Verbleiben bei der Wahrheit. Diejenigen, die in diesem Sinne Widerstand leisteten, wurden - so Lund - ,’von einem eigenartigen Glücksgefühl erfüllt, selbst unter harten und schweren Bedingungen [...] (aus) unerschütterliche(r) Überzeugung des Kämpfens für eine gute Sache ...’

Die Reichskriegsflagge im Fenster gegenüber

Damals, im Jahr 1992, wohnte ich in Köln-Kalk in einer Straße, in der auch viele türkische Einwanderer wohnen, direkt neben einem türkischen Lebensmittelgeschäft. Es war das Jahr der rassistischen Krawalle in Rostock und anderswo. Mein Küchenfenster ging zur Straße hinaus und eines Tages sah ich: In einer Wohnung gegenüber hing direkt am Fenster eine große Reichskriegsflagge. Als engagierter Antifaschist dachte ich spontan zuerst an Steine, Bomben usw., verwarf das zwar gleich, aber mir war klar, dass ich diese Fahne nicht einfach hinnehmen konnte.

Nach ein paar Tagen nahm ich allen Mut zusammen sowie ein Exemplar des Bildbüchleins "Krieg dem Kriege" von Ernst Friedrich zur Hand (Bilder aus dem I. Weltkrieg, um 1925 erschienen, Reprint von Zweitausendeins), ging über die Straße, erwischte auch gleich die richtige Klingel und wurde von einem ca. 18-jährigen Jugendlichen an der Wohnungstür empfangen. Ich sagte ihm, ich sei ein Nachbar und wolle wegen der Reichskriegsflagge mit ihm sprechen. Er sagte, die Wohnung gehöre seinem Freund, der sei gerade auf dem Klo, und bat mich hinein. Besagter, ca. 20, erschien, und war zunächst äußerst reserviert, aber nicht unfreundlich. Wir setzten uns direkt unter die Flagge und kamen ins Gespräch. Die beiden stammten aus Ostdeutschland, arbeiteten bei Ford und regten sich über herumlungernde türkische Jugendliche auf. Ich verwies auf meine türkischen Nachbarn in dem Geschäft; sagte, die sähe ich immer nur fleißig arbeiten. Ja, hm, aber die anderen, vor der Spielhalle... Die Deutschen seien doch so fleißig, und darauf sollten sie stolz sein. Ich sagte: Ich bin mir nicht so sicher, ob das die richtige Art zu leben ist. Die südländische Mentalität, das Abwarten, Genießen des Augenblicks, vielleicht auch eine gewisse Faulheit - das alles hat doch auch einiges für sich. Die beiden waren überrascht und wurden tatsächlich ein bisschen nachdenklich.

Ich kam auf die Flagge zu sprechen, erklärte ihnen, wie gut ich sie von meinem Fenster aus sehen könne und sprach darüber, welche furchtbaren Verbrechen im Zeichen dieser Flagge begangen worden seien. Ich sparte bewusst die Nazizeit aus und sprach über den I. Weltkrieg, gab dem Jüngling das Buch dazu in die Hand, er könne es sich ja mal durchblättern. Es zeigt die Gesichter von Kriegsversehrten, Menschen mit riesigen Löchern im Gesicht, grauenhaft! Die beiden bestanden darauf, dass man als Deutscher doch stolz sein könne auf das, was Deutsche geleistet hätten. Ich stimmte zu und sagte: Ja, auch ich bin stolz darauf, dass Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg schon 1914 erkannt hatten, worauf der Krieg hinauslief, und die ganze Zeit über dagegen gekämpft und sogar ihr Leben dafür geopfert hatten...  Dass ich als "Wessi" wegen dieser Dinge sogar bei den Kommunisten gewesen war, das konnten sie nun gar nicht verstehen, klar. Gut, wir gingen auseinander, sie werden sich wohl noch genügend über den Spinner von gegenüber gewundert haben, aber drei Wochen später war die Flagge weg.

aufgeschrieben im April 2001

Toni Kalverbenden, Köln

Freitag Abend im Jugendzentrum

Pfarrer Reinhard Kolb

Im Frühjahr 1972 erlebte ich das Folgende:

An einem Freitag Abend war im Gemeindezentrum im Jugendkeller Disco für die Älteren ab 20 Uhr. Zu den Gästen gehörten einige recht problematische Jugendliche. Ich erinnere mich an die Verabschiedung eines von ihnen, der eine Haftzeit in der Jugendstrafanstalt Siegburg antreten musste. F. war ein eher labiler junger Mann. Er ist später etwa 35jährig an seinem Alkoholismus zugrunde gegangen.

An jenem Abend kam er angetrunken und begann zu randalieren. Den Leiter der Disco, einen Studenten der Sozialpädagogik, schlug er k.o., kreischend verließen die Mädchen den Disco-Raum. Ich hatte Alkoholverbot gegeben, bei Zuwiderhandlung Hausverbot. Das sprach ich nun F. gegenüber aus, fasste ihn am Arm, um ihn hinauszuführen. Da packte er meine Krawatte, drehte sie und würgte mich. Ich keuchte: „Lass mich los!“ Er: „Erst wenn du mich loslässt!“ Ich ließ seinen Arm los, er meine Krawatte. Doch nun schrie er mich an: „Ich will mich mit dir schlagen! Komm, wehr’ dich!“ Ich erwiderte ihm: „Ich bin Christ. Ich wehre mich nicht. Aber wenn du mich auch zusammenschlagen willst, warte, bis ich meine Brille abgegeben habe, die brauche ich am Sonntag noch.“ Und ich gab meine Brille an einen Danebenstehenden. Da schrie er mich an: „Wenn du dich nicht wehren willst, kann ich mich nicht mit dir schlagen“, und rannte ins Dunkel hinaus, über die befahrene vierspurige B 224, vor dem Gemeindezentrum - und noch einmal hielt ich den Atem an.

aufgeschrieben im Juli 1999


Zum Frieden anstiften - Das Streetworker-Projekt - Ein Sommertag im Freibad

Ernst von der Recke

Leichtfüßig und beschwingt zogen etwa vierzig Jugendliche durchs Schwimmbadgelände zum Volleyballplatz - vorneweg die Jungen, gefolgt von den Mädchen. Ein lebhaftes Sprachgemisch aus gebrochenem deutsch, türkisch und russisch erfüllte die Luft. Zurück blieben ein junger Mann türkischer Abstammung, ein Bosnier und eine deutsche Frau. Nur langsam verzog sich die Menge der Schaulustigen. In einigem Abstand standen die Bademeister mit blassen Gesichtern. Das Handy, das sie seit einer dreiviertel Stunde in der Hand hielten, um im Bedarfsfall sofort die Polizei rufen zu können, ließen sie sinken. Die deutsche Frau hielt einen Stapel alter Zaunlatten mit heraussteckenden Nägeln in der Hand. Etwas ratlos stand sie da und guckte der abziehenden Gruppe nach: "Kann das gut gehen, wenn die behaupten, sie wollten jetzt miteinander Volleyball spielen?!"
Was war passiert, und wer war dieses Gespann von drei jungen Erwachsenen, die offenbar vom Erfolg ihrer Arbeit überrascht und noch etwas ungläubig der abziehenden Gruppe munterer Jugendlicher und Kinder hinterher schauten?

Der Ort des Geschehens war das zentrale Freibad in Wetzlar. Hier gibt es seit dem Sommer 1996 ein sogenanntes Streetworker-Projekt. Etwa 20 Jugendliche und junge Erwachsene unterschiedlicher Abstammung und Herkunft sind seither jedes Frühjahr  vorbereitet worden, während der Sommerferien nachmittags von 14 Uhr bis 18 Uhr  für einen Dienst zur Verfügung zu stehen, verbunden mit einer finanziellen Anerkennung. Sie sind in Dreierteams eingeteilt. Dabei ist Sorge getragen, daß diese Untergruppen möglichst beiderlei Geschlecht enthalten und Sprachkompetenzen in Deutsch, Türkisch und einer slawischen Sprache besitzen.

Das Motto, unter dem dieses Projekt steht, heißt "Grenzen setzen - Räume öffnen". Getragen wird es von einem großen Kreis von Personen aus der freien und öffentlichen Kinder- und Jugendarbeit, einschließlich der Polizei mit ihrer "Arbeitsgruppe Gewalttäter an Schulen", von Personen verschiedener kultureller und religiöser Vereine und Einrichtungen, ferner aus dem Bereich der Resozialisation und nicht zuletzt aus dem Sozialdezernat und dem Koordinierungsbüro für Jugend und Soziales der Stadt Wetzlar. Der Beitrag, zu dem wir als Laurentiuskonvent angefragt wurden, lag in dem Entwurf und der Durchführung eines Trainings für die "Poolworker".

Dem oben angedeuteten Konfliktende ging wohl der heißeste Streit in der vierjährigen Geschichte des Projekts voraus. Ercan, der Freiwillige mit türkischer Abstammung, hatte einen Schlag gehört und beim Hinschauen wahrgenommen, daß ein rußlanddeutscher Jugendlicher einen kurdischen Jugendlichen offenbar ohne jegliche Vorwarnung am Rand des Freibads ins Gesicht geschlagen hatte. Andere waren ebenfalls aufmerksam geworden und durch den offenen Disput formierten sich in Windeseile zwei Gruppen, eine türkisch und eine russisch sprechende. Die Emotionen auf der Seite des Geschlagenen kochten hoch - "seit drei Jahren habe ich mich nicht mehr geprügelt, jetzt ist es mal wieder soweit!..." Einige gingen an einen nicht weit entfernten Lattenzaun und rissen einige Latten heraus, mit denen sie sich bewaffneten. Ercan hatte die türkisch geführte Diskussion mitverfolgt und schritt ein - deutsch sprechend. Er wurde sofort als unerwünschter Eindringling identifiziert:  "Was will der denn?" fragte ein Junge auf türkisch. Ercan überraschte ihn und die anderen, indem er auf türkisch antwortete und erklärte, wer und in welcher Funktion er hier sei und daß er nicht dulden würde, daß sie hier auf dem Schwimmbadgelände eine Schlägerei vom  Zaun brachen. Sichtbar in ihrem Schwung gebremst, einigte sich die Gruppe, vor den Eingang vom Schwimmbadgelände zu gehen. Irgendwann wurde das Schwimmbad ja schließen, dann wurden sie sich "die Russen" greifen.

Um den, der geschlagen hatte, hatte sich ebenfalls sehr schnell eine Gruppe von rußlanddeutschen Jungen und Mädchen gesammelt. Ihre Empörung bestand darin, daß der Kurde eins „ihrer“ Mädchen belästigt hatte. Zu ihnen hatte sich Almir, ein bosnischer Freiwilliger gesellt. Er verstand in etwa, was sie sagten und brachte sich als Streetworker beruhigend ein.

Als letzte kam Ulrike hinzu, eine Deutsche, die auch außerhalb des Projekts schon Erfahrung in Mediation gesammelt hatte. Sie erkundigte sich schnell  bei ihren beiden Kollegen, befand, daß es keine befriedigende Option sei, daß das Problem sich lediglich außerhalb des Schwimmbadzaunes verlagert habe und daß sie eine Vermittlung wagen wollte. Die Gruppe der Rußlanddeutschen war sofort bereit, sich auf eine Konfrontation mit der Gegenseite einzulassen. Sie folgten Ulrike auf ihrem Weg zu der Gruppe im Eingangsbereich. Im Handumdrehen war dieser Bereich dicht, niemand konnte mehr hinein oder hinaus.

Der Versuch, die herauszufinden, die ursprünglich beteiligten waren, erwies sich als äußerst  schwierig. Andere, die nicht unmittelbar am Streit beteiligt waren, hetzten am meisten. Die Absicht, die Auslöser des Streites gesondert zu nehmen, erwies sich als gänzlich unmöglich. Die Angelegenheit war zu einer Ehrensache geworden, in der es jetzt keine Unbeteiligten mehr gab. Almir und Ercan standen zwischen den Gruppen und hielten "ihre" Leute sowohl mit ihrer Körper- wie mit ihrer Seelen- und Gütekraft in Schach. Ulrike stand ebenfalls dazwischen und wendete sich blitzschnell von der einen zu der anderen Seite, immer bemüht, die Betroffenheit und den Hergang zu verstehen und dies als Anfrage an die andere Seite weiterzugeben. Als sich herausgestellte hatte, daß der, der geschlagen hatte, überhaupt kein deutsch verstand und sich jemand als Dolmetscher anbot, gelang es leichter, den Fortgang der Auseinandersetzung zu strukturieren. Die Wahrnehmung des Hergangs war unterschiedlich. Ob der kurdische Jugendliche die Schwester des Rußlanddeutschen geschubst habe oder er sie nur angeredet hatte, blieb unklar. Die Wende kam an dem Punkt, als der Kurde seinen Kontrahenten fragte, warum er denn gleich geschlagen habe. Sie seien hier doch  in Deutschland und nicht in Kasachstan und auch nicht in Anatolien. Hier dürfe man Mädchen anschauen und auch mit ihnen reden. Der Angeredete erklärte, daß er ihn ja nicht ansprechen konnte, da er weder deutsch noch kurdisch spreche. Um die Familienehre zu wahren, sei ihm nur die Möglichkeit des Zuschlagens geblieben.

Damit war die alle verbindende Herausforderung auf dem Tisch: An einem fremden Ort mit anderen Sitten die Beziehung zum anderen Geschlecht aufzubauen und dabei sein ererbtes Ehrgefühl zu wahren! Dies war tatsächlich ein Thema, das alle betraf, nicht nur die beiden primär am Streit beteiligten. Eine Lösung des Streites war nun nicht mehr weit: Der Rußlanddeutsche entschuldigte sich bei dem Kurden, und der Kurde bei dem Mädchen. Beide taten es jetzt aus freien Stücken und im Respekt vor den Bedürfnissen des anderen und seinen Grenzen.

Das, was normalerweise am Anfang einer Mediation geschieht, nämlich daß man sich gegenseitig vorstellt, konnte in diesem Fall erst jetzt geschehen: Ulrike wandte sich an die, die eine Latte in der Hand hielten, stellte sich vor und fragte sie nach ihrem Namen. Dann bat sie, ihr die Latten auszuhändigen. So endete mit der freiwilligen Entwaffnung auch die Anonymität. Der Wunsch, miteinander spielen zu gehen, entsprach dem guten Gefühl, ein existentielles Problem bearbeitet zu haben und darüber miteinander vertraut worden zu sein.

Ercan, der nach seiner Zeit der Arbeitslosigkeit wieder die Schulbank drückt, um das Abitur nachzumachen, ist inzwischen ein begehrter Mitarbeiter in der städtischen Jugendarbeit. Almir, der immer noch nicht in seine Heimat zurückkehren kann, lebt und denkt europäisch. Er hat in Deutschland einen Beitrag zum Zusammenleben unterschiedlicher Ethnien geben können. Das läßt ihn und uns hoffen, daß er ähnliches auch in seiner zerrissenen Heimat einmal wird leisten können. Ulrike sucht ihren Weg als Mediatorin im schulischen Bereich und in der Stadtteilarbeit.

Eine ausführliche Dokumentation über das Streetworker-Projekt ist über Frau Barbara Bayani vom Koordinationsbüro des Bürgermeisters der Stadt Wetzlar (Ernst-Leitz-Str. 30, 35578 Wetzlar, Tel. 06441/99-472) zu beziehen. Eine weitere Kontaktperson und Mitinitiator des Projektes ist Herr Harald Wurges vom Stadtjugendring Wetzlar (Tel. 06441/35922). Beide Personen besitzen die besondere Begabung, Menschen, die am Rand unserer Gesellschaft leben und solche, die in verantwortlicher Position sitzen in einen gemeinsamen Prozeß zu verweben.

Meine persönlichen Voraussetzungen zur Mitwirkung an einem solchen Projekt sind geprägt durch Erfahrungen mit der Arbeit von Friedensdiensten (19971/72 habe ich als Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen an einem ähnlichen Projekt in einem Getto im nordamerikanischen Bundesstaat Mississippi teilgenommen) und durch meine Einbindung in die Lebensgemeinschaft des Laurentiuskonvents. Seit seiner Gründung 1959 haben Mitglieder des Konventes sich immer wieder diakonisch engagiert. Hierzu gehört auch die Entwicklung des Gedankens eines Schalom-Diakonats. Er hat sich in der Gründung des Oekumenischen Dienstes im Konziliaren Prozeß mit der Geschäftsstelle in Wethen (Mittelstr. 4, 34474 Diemelstadt, Tel.: 05694 8033) und seinen unterschiedlichen Trainingsangeboten zu einem zivilen Friedensdienst praktisch verwirklicht.

Theologisch - das ist uns dieses Jahr in der Karwoche bei der Meditation von den drei Leidensankündigungen Jesu und den daran anschließenden Jüngerbelehrungen (Mk 8,9+10) so deutlich geworden - gründet und orientiert sich unsere Praxis an der Treue zum Evangelium und ihrer Umsetzung in einer sozialen und politischen Diakonie. Nachfolge Jesu - das Stichwort in den drei biblischen Texten - führt in Situationen von Not und Gewalt, aber Gottes Geist lenkt auch hindurch zu neuen Freundschaften und tragfähigen Beziehungen.

Ernst von der Recke ist Mitglied der ökumenischen Lebensgemeinschaft Laurentiuskonvent in Laufdorf (Ringstr. 21, 35641 Schöffengrund), verheiratet und Vater von drei Töchtern. Von der Ausbildung her Theologe arbeitet er mit einer halben Stelle bei der Lebenshilfe Wetzlar. Mit seiner Frau engagiert er sich im Bereich Mediation, besonders an Schulen und in der Arbeit des friedenskirchlichen Netzes Church and Peace.


In Mexiko wurde mit Gütekraft ein Mord verhindert

Es war im Jahr 1971, als mein Mann und ich für den Versöhnungsbund in Mexiko tätig waren. Eines Abends saßen wir dort in einer Kneipe. Am Nachbartisch unterhielten sich lautstark zwei Männer. Sie tranken Schnaps. Einer der beiden sprach in dem lebhaften Gespräch eine Beleidigung gegen den anderen aus. Sie gerieten in Streit. Plötzlich sprang der Beleidigte impulsiv auf, zückte ein Messer und ging auf den ersten los.
Wir sahen das alles, aus nächster Nähe. Was konnten wir tun?
Mein Mann handelte schnell. Er stand auf und schlug dem Mann mit seiner Hand von oben so auf das rechte Handgelenk, dass das Messer zu Boden fiel.
Damit zog er den Angriff des Mannes auf sich. Und er stellte sich ihm so gegenüber, dass er ihn anschauen konnte, und legte ihm die Hand auf die Schulter. Und er fragte ihn sofort: Da muss dir dein Kollege etwas ganz Schlimmes angetan haben, dass du so heftig reagiert hast? Worum handelt es sich denn?
Die einfühlsame Frage machte klar, dass der Schlag auf die Hand kein Angriff gegen die Person des Mannes war, dass mein Mann keineswegs die Absicht hatte, ihm in irgendeiner Weise Schaden zuzufügen, sondern die Wut des Angreifers auf sich zu lenken und einen Mord zu verhindern.
Der Mann konnte durch das anschließende Gespräch beruhigt und die Situation entschärft werden.

von Hildegard Goss-Mayr

Wien 1945: Russische Soldaten verhalten sich menschlich.

 Wien war bombardiert worden, der Krieg verloren, die Russen marschierten ein. Und sie hatten das Recht des Siegers, das Recht, sich alles zu nehmen, nicht nur Hab und Gut, auch Frauen. Sie gingen von Haus zu Haus. Auf Geheiß meines Vaters gingen meine Mutter und die anderen Frauen im Haus in den Keller. Er selbst schloss die Haustür nicht ab. Wie bei den anderen Häusern stießen die Soldaten mit den Gewehrkolben gegen die Tür, wohl in der Erwartung, sie auf diese Weise öffnen zu müssen. Mein Vater jedoch erwartete sie und öffnete die Tür. Er hatte kein Russisch gelernt. Die Gewehrläufe, die sich sofort gegen ihn richteten, schob er langsam zur Seite und lud die Männer mit einer Geste ein, einzutreten. Das war für die russische Kampftruppe offenbar eine völlig neue Erfahrung. Sie traten ein, vermuteten jedoch zunächst eine Falle. Mit vorgehaltenem Gewehr gingen sie in alle Zimmer. Mein Vater lud sie ein, sich zu setzen. Das taten sie, als sie merkten, dass sie nicht bedroht wurden. Dann holte er die Frauen aus dem Keller und alle saßen mit den Männern zusammen. Die Soldaten taten niemandem etwas zu Leide. Als sie gingen, blieb einer von ihnen noch an einer Ikone, die bei uns an der Wand hing, stehen. Er sagte: „Ja Chrestianin“ das heißt auf Russisch: Ich bin Christ.

Später kamen noch weitere Soldaten zu uns. Da gab es teilweise sehr schwierige Situationen.
So schützte mein Vater die bedrohten Frauen einerseits, andererseits war er bemüht, die Soldaten aus ihrer Haltung der Feindschaft und Angst herauszuholen. Er war bereit, dafür sein Leben einzusetzen.

Mannheimer Hoffnungsgeschichten

Mannheimer OberstufenschülerInnen schreiben Hoffnungsgeschichten der Überwindung von Gewalt
(Ökumenisches Bildungszentrum sanctclara Mannheim, 28.3.01)


Im Bereich Geschwisterstreit: Nach verbalen Attacken und Androhungen von “Gewalt mit Fäusten” zogen mein Bruder und ich uns kurz ins jeweilige Zimmer zurück, besannen das, was gerade gelaufen war, und entschuldigten uns beim Anderen. Öfter Besinnung und Nachdenken bringt etwas!

Bei mir im Basketballtraining gibt es ein paar ziemlich “coole” Typen, die denken, dass sie die Tollsten sind. Als ich von denen angemacht wurde, kam ein Kumpel von mir (eigentlich ein ziemlich schmächtiger Kerl), hat sich hinter mich gestellt und signalisiert, dass er zu mir steht. Da sind die Typen weitergegangen. Das war ein tolles Gefühl zu wissen, dass man nicht alleine ist und Freunde hat, die helfen.

Eine freundschaftliche Rangelei im Zug zwischen zwei Freunden wird zu einer richtigen Prügelei. Der eine hat schon eine blutige Nase, als mein Freund und ich dazu kommen. Wir schnappen uns jeder einen und fangen ihn an zu kitzeln. Daraufhin müssen sie sich wohl oder übel loslassen und hören auf miteinander zu kämpfen.

Eine Klassenkameradin hat eine andere ständig fertiggemacht wegen Aussehens, Verhalten etc.. Irgendwann bekam die eine dann ein selbst geschriebenes Gedicht der anderen, die sich nicht unterkriegen ließ, zur Ansicht. Und sie hatte plötzlich Ehrfurcht vor ihr und ihrer Fähigkeit des Schreibens.

Ich kam mit meinem Motorrad an eine rote Ampel und fuhr zwischen den Autoschlangen, die sich auf beiden Spuren gebildet hatten, bis an die Haltelinie vor. Ein LKW-Fahrer kurbelte die Fensterscheibe runter und begann rumzuschreien: “Hast du ‘nen Bremsfehler oder bist du einfach nur blöd, du Idiot?” Ich drehte mich um und sagte zu ihm: “Komm schon, Mann, ich werde doch bei dem Wetter nicht hinter 20 Autos im stop&go-Verkehr fahren. Trotzdem sorry.” Er winkte mir gerade nur lässig mit der Hand und lächelte.

Bei uns in der Clique gab es mal ein nettes Mädchen. Sie ist mit dem Jungen zusammengekommen, der am meisten Einfluß auf alle hatte. Leider ist die Beziehung nach 9 Monaten zerbrochen und von den anderen (außer mir) wollte keiner mehr etwas mit ihr zu tun haben. Sie wußte lange nicht, was sie falsch gemacht hatte. Und ich sagte ihr immer, dass es nicht an ihr läge. Wir wurden die besten Freunde. Letzten Samstag feierte die Clique eine Party. Sie wollte sich mit mir treffen. Wir unterhielten uns in angetrunkenem Zustand. Irgendwie standen auf einmal alle neben uns und wir redeten über alles, was noch nicht geklärt worden war (über 2 Stunden lang). In dieser Woche meldeten sich einige wieder bei ihr und haben zugegeben, dass sie sie eigentlich gar nicht so schlimm finden. Jetzt treffen sich viele wieder mit ihr. Das gibt dem Mädchen viel Kraft, die sie in den Monaten davor verloren hatte!

Konfliktsituation vor dem Haus: zwei Kindergartenkinder streiten sich um einen Bobbycar. Da kommt der ältere Bruder eines der Kinder dazu und zeigt den beiden, wie sie den Bobbycar mit Anhänger gemeinsam nutzen können, indem einer Fahrer und einer Fahrgast ist. Das Spiel geht friedlich weiter.

Neulich am Paradeplatz:  eine Klassenkameradin wurde von ihrem Ex-Freund und 6 Skinheads verfolgt. Wir Mädchen blieben bei ihr, auch wenn wir nicht viel ausrichten konnten, und liefen nicht weg. Ich denke, dass wir hier Zivilcourage bewiesen. Verbal konnten wir den Konflikt teilweise lösen. Meiner Meinung nach, muss Gewaltüberwindung bei Bildung ansetzen.

Unser Raucherhof sollte geschlossen werden, wenn er weiterhin so schmutzig ist. Doch es gab Leute, die ihn dann putzten und nicht anfingen zu randalieren!

Ich sah vor kurzem eine Reportage im TV mit dem Thema Zivilcourage. Es wurde dabei festgestellt, dass in Konfliktsituationen öfters Menschen ab 35 wegsehen als die jüngere Generation. Dass also die heranwachsende Gesellschaft lernt oder gelernt hat helfend einzugreifen. Ich denke, das ist ein Punkt, der Hoffnung bringt.

“Sanfte Gewalt” - Eigenes Foto: Großstadt, Autostraße, Randstein zwischen benzin- und ölbeflecktem Asphalt und zugeparktem Gehweg: Aus einer Fuge heraus wächst und blüht ein Löwenzahn!

Ein zierlicher Siebtklässler wird von einem großgewachsenen Klassenkameraden mit leichten Stößen provoziert zurückzuschlagen. “Schlag zurück! Komm, wehr dich...” Der Kleine steht – an die Schulmauer gelehnt – als ob es ihn nichts anginge und schaut den Großen an. Der Zuschauerkreis wird immer größer. Der Kleine läßt sich nicht aus der Ruhe bringen. Der Große hat keine Chance. Die Zuschauer sind mehr und mehr gegen ihn. Sie sagen nichts, aber sie verhindern, dass der Große seine Übermacht ausleben kann. So geht die Pause zu Ende. Der klare Sieger ist der Kleine. Der Große gibt auf. Seine Provokation läuft ins Leere. Auf die Frage, warum er sich nicht gewehrt habe, sagt der Kleine: “Ich habe gegen den Großen keine Chance. Das einzige, was ich tun kann, ist: Nerven bewahren. Wenn ich zurückschlage, hat er einen Grund mich zu schlagen. Den Spaß gönne ich ihm nicht. Zum Raufen gehören immer zwei.”

Streitschlichtersituation: Zwei Schüler im verbalen Schlagabtausch werden von einem Mitschüler angesprochen: “Du fühlst dich jetzt wohl sauwohl!?” Überraschung! Stille. Nächstes Mal wiederholt er die Frage – Stille. “Nein? Warum investierst du dann soviel Energie in etwas, was dir nichts bringt?” Später läßt der verbale Streit nach. Inzwischen wurde einer der Streithähne selbst Streitschlichter.


Quelle: Mannheimer OberstufenschülerInnen teilen ihre Geschichten bei einer Veranstaltung zur Dekade "Gewalt überwinden" am 28.3.01 im Ökumenischen Bildungszentrum sanctclara in Mannheim

Anne Kretzschmar
Dienst fuer Mission, Oekumene und Entwicklung
Evangelische Landeskirche in Württemberg