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Freitag

Bergarbeiterfrauen in Bolivien: “Befreiung aller Gefangenen!”

Nach sieben Jahren Militärdiktatur versprach am 22. Dezember 1977 Boliviens Präsident General Banzer anlässlich bevorstehender Wahlen eine Generalamnestie für politische Gefangene. Von dieser aber wurden 348 ausgeschlossen.
Aus der Zinnminenstadt Llallagua kamen am 28. Dezember vier Bergarbeiterfrauen, deren Männer von der Amnestie ausgeschlossen waren, mit ihren insgesamt 14 Kindern in die Hauptstadt La Paz, entschlossen, für die Freiheit der Gefangenen in einen unbefristeten Hungerstreik zu treten. Ihre vier Forderungen: Generalamnestie ohne Einschränkung; Wiederaufnahme aller entlassenen, gefangenen oder exilierten Bergarbeiter in ihre früheren Arbeitsstellen; Rückkehr aller Exilierten (ca. 17000 Personen) und Aufhebung der Besetzung der Bergbauzonen durch die Armee.

Nach Abweisung von der “Permanenten Versammlung für die Menschenrechte”, die eine derartige Aktion für unwirksam hielt, wurden sie im Haus des Erzbischofs Mons. Manrique aufgenommen. Drei Tage später schließen sich zwei weitere Gruppen von elf Personen dem Fasten an, das sie in einer Kirche und am Sitz der unabhängigen katholischen Zeitung “Presencia” durchführen. Solidaritätserklärungen kommen am selben Tag von der Gewerkschaftsföderation der Bergleute, der Frauen-Union Boliviens, dem Interfakultären Komitee der UMSA, der katholischen Kirche und der Permanenten Versammlung für die Menschenrechte. Diese lösen eine Welle der Zustimmung über das ganze Land aus.
Beauftragte der Ministerien suchen die Frauen auf und versprechen, “ihre Fälle” zu revidieren. Die Frauen bestehen dagegen auf der Erfüllung aller Forderungen, da es ihnen nicht nur um die eigenen Familien gehe.

In vielen Städten entstehen Unterstützungskampagnen, am 10. Tag fasten allein in La Paz 300 Personen mit, die meisten im Lande fasten in Kirchen. Universitäten, Betriebe und Minen streiken für kürzere oder längere Zeit, um ihre Solidarität auszudrücken. Expräsident Salinas, der mitfastet, leitet ein neu gebildetes Verhandlungskomitee. Die Regierung weist jedes Verhandlungsangebot zurück, bezichtigt die Streikenden der Subversivität und organisiert Gegendemonstrationen. Wegen der anhaltenden Solidaritätskundgebungen versucht General Banzer über den Erzbischof einen Kompromiss durchzusetzen, der aber von den Fastenden zurückgewiesen wird. Um die Koordinierung des Widerstandes zu behindern, organisiert daraufhin die Regierung über von ihr beauftragte Gewerkschaftskoordinatoren einen Streik, der den Verkehr lahm legt.
Schließlich kommt es doch zu Verhandlungen. Die Regierung bricht diese am Abend des 20. Fastentages ab.

In den frühen Morgenstunden des 21. Tages (17. Januar 1978) besetzt die Polizei viele Orte, an denen sich Fastende aufhalten, außer dem Haus des Erzbischofs, und führt sie z.T. in Krankenhäuser, z.T. in Polizeistationen ab. Das ruft Empörung hervor, immer mehr Menschen solidarisieren sich: 1200 Personen fasten. Der Erzbischof protestiert gegen die Übergriffe gegen die Kirche, exkommuniziert die dafür Verantwortlichen und kündigt gemeinsam mit anderen Bischöfen des Landes eine dreitägige Schließung aller Kirchen an, auch ein Sonntag ist davon betroffen. Gegen Abend ist die Regierung zur Fortsetzung der Verhandlungen bereit, um 23 Uhr wird ein Abkommen erzielt, das alle Forderungen der Fastenden erfüllt, um 23.30 Uhr wird das Fasten beendet, die große Mehrheit der Gefangenen und Verhafteten wird sofort entlassen und die erkämpften Rechte Schritt für Schritt verwirklicht.

(Nach: Hildegard Goss-Mayr [Hrsg.]: Geschenk der Armen an die Reichen. Zeugnisse aus dem gewaltfreien Kampf der erneuerten Kirche in Lateinamerika. Wien, 2. Auflage 1980, S. 123 - 126)

Norwegen 1942: ”Ihr Lehrer habt mir alles verdorben!”

Vom Widerstand norwegischer Lehrer gegen die Naziherrschaft 1940 - 1943

Norwegen wurde im April 1940 von den Deutschen besetzt. Die Deutschen ernannten den pro-deutschen Norweger Vidkun Quisling zum neuen Regierungschef. Als die Deutschen die Gesetze nach NS-Grundsätzen umformen wollten, traten sämtliche Mitglieder des Obersten Gerichtshofes zurück. Eine Untergrundzeitung wurde in den fünf Jahren der deutschen Besatzung aufrechterhalten.
Im Februar 1942 machte Quisling den Versuch, einen korporativen Staat nach dem Muster Mussolinis zu gründen. Er begann bei der Lehrerschaft. Nach Aufhebung der ehemaligen Lehrerorganisation wurde eine neue mit dem Chef der Quislingschen Geheimpolizei an der Spitze gegründet.

Eine geheime Lehrerorganisation schlug den Lehrern vor, sich in vier Punkten zu widersetzen.
Am 20. Februar 1942 sandten etwa 9000 der 12000 norwegischen Lehrer eine handschriftliche Erklärung an das Unterrichtsministerium mit folgendem Wortlaut: "Ich erkläre, dass ich die Jugend Norwegens nicht nach den Richtlinien der Nasjonal Samling unterrichten kann, da ich dies mit meinem Gewissen nicht vereinbaren kann. Die Mitgliedschaft in dieser Organisation würde mich zwingen, auch andere Handlungen zu begehen, die im Widerspruch zu den Pflichten meines Berufes stehen. Ich sehe mich daher gezwungen zu erklären, dass es mir nicht möglich ist, mich als Mitglied der neuen Lehrerorganisation zu betrachten."

Am 25. Februar gab die Regierung Quisling bekannt, dass die Proteste der Lehrer als offizielle Amtsniederlegung angesehen und dass die Lehrer, wenn sie darauf beharrten, entlassen würden; das Unterrichtsministerium schloss unter dem Vorwand der Kohlenknappheit alle Schulen. Aus allen Teilen des Landes wurde daraufhin Heizmaterial angeboten, um den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten. Die offiziellen Zeitungen erwähnten nichts von dem Widerstand der Lehrer, aber die "Kohlenferien" verbreiteten die Nachricht überall. Das Unterrichtsministerium setzte eine Frist bis zum 15. März: Lehrern, die sich danach den Anordnungen der Regierung widersetzen würden, wurde mit dem Verlust ihrer Anstellung, ihres Gehaltes und ihrer Pension gedroht. Zehntausende, nahezu zehn Prozent aller Eltern Norwegens, protestieren dagegen schriftlich bei der Regierung.

Die Lehrer blieben hart. Nicht einer gab nach. Ab dem 20. März wurden Hunderte von Lehrern willkürlich herausgegriffen und verhaftet. Bei den Ostergottesdiensten verurteilten die Geistlichen diese Verhaftungen.
Die Lehrer wurden in ein Konzentrationslager nach Grini gebracht. Von einer nicht bekannt gegebenen Quelle - nicht von der Regierung - erhielten deren Familien den Gegenwert ihrer Gehälter für die ganze Dauer ihrer Internierung. Im Lager erließ die Regierung ein Ultimatum an die gefangenen Lehrer, aber nur drei lenkten ein. Die 687 Lehrer wurden in Viehwagen in ein anderes Konzentrationslager, etwa 200 Kilometer von Oslo entfernt, gebracht. Auf den Bahnhöfen versammelten sich die Kinder und sangen für sie bei der Durchfahrt des Zuges Lieder.
Im neuen Lager wurden sie zu noch härterer Arbeit unter extremen Bedingungen und Schikanen und minimalster Ernährung gezwungen. Nach zwei Tagen wurden 76 der älteren Lehrer zwischen 55 und 59 Jahren von den Lagerbeamten befragt, aber keiner gab nach.

An den meisten Orten Norwegens ließ die Regierung die Schulen am 8. April wieder öffnen. Die nicht inhaftierten Lehrer, die sich an diesem Tag zum Dienst meldeten, erklärten öffentlich, dass sie der neuen Lehrerorganisation von Quisling nicht angehörten und sprachen auch mit ihren Schülern über ihr Gewissen, vom Geiste der Wahrheit und von der Verantwortung, die sie trügen. Ein starkes Solidaritätsgefühl verband die gesamte Lehrerschaft.
Nach Tagen weiterer Einschüchterungsmaßnahmen im Lager fragte die Lagerleitung jeden einzelnen der Lehrer, ob er einen Widerruf des Protestschreibens unterschreiben würde. Von 637 Lehrern widerriefen 32. So wurden Demütigungen, Foltergymnastik und die Hungerrationen fortgesetzt. Auch verbreiteten die Behörden drohende Gerüchte, was mit den Lehrern bei weiterer Weigerung geschehen werde. Dennoch gaben die Frauen der Lehrer zu verstehen, dass sie ein Nachgeben ihrer Ehemänner nicht wünschten.

Erneut wurden die Lehrer weiter verfrachtet und in Kirkenes der Wehrmacht übergeben Diese zwang sie zu pausenloser Schwerstarbeit im Hafen. Ein Lehrer starb durch die Strapazen.
Die Deportation der Lehrer nach Kirkenes verhärtete die Stimmung und den Widerstandswillen der übrigen Bevölkerung Norwegens. Als Quisling am 22. März mit einer Gruppe von Lehrern in einer kleinen Stadt sprach, erging er sich in Drohungen, Ausfällen und Wutausbrüchen. Er schloss mit den Worten: "Ihr Lehrer habt mir alles verdorben!", und ließ sie verhaften. Am folgenden Tag begaben sich einige Lehrer, die bei der Unterredung nicht zugegen gewesen waren, zum Amtsgebäude und baten darum, mit den anderen gefangen gesetzt zu werden.
Ende August wurden 50 erkrankte Lehrer nach Hause gesandt. Am 16. September kehrte eine zweite Gruppe von rund 100 Männern aus dem Lager zurück. Am 4. November folgten die übrigen etwa 400 Lehrer nach acht Monaten härtester Zwangsarbeit. Man gestattete ihnen, ihre Lehrtätigkeit auszuüben, ohne dass sie ihre Grundsätze widerrufen mussten.
Über die Formen, die der Widerstand annahm, schrieb später einer der Führer, Diderich Lund, dass der wirtschaftliche Widerstand Norwegens völlig zusammenbrach. Sabotage war nur in geringem Masse wirksam, und die Geheimtätigkeit war ebenfalls nicht so wirksam wie die stolze, gerade Offenheit und das Verbleiben bei der Wahrheit. Diejenigen, die in diesem Sinne Widerstand leisteten, wurden - so Lund - ,’von einem eigenartigen Glücksgefühl erfüllt, selbst unter harten und schweren Bedingungen [...] (aus) unerschütterliche(r) Überzeugung des Kämpfens für eine gute Sache ...’

Harriet Tubman and the Underground Railroad - Power of Goodness

Born a slave, Harriett Tubman became a famous "conductor" on the Underground Railroad, leading hundreds of slaves to freedom.

Introduction

The Underground Railroad was neither underground nor a railroad. It got its name because its activities had to be carried out in secret, using darkness or disguise, and because railway terms were used by those involved with system to describe how it worked. Various routes were lines, stopping places were called stations, those who aided along the way were conductors and their charges were known as packages or freight. The network of routes extended through 14 Northern states and “the promised land” of Canada–beyond the reach of fugitive-slave hunters. Those who most actively assisted slaves to escape by way of the “railroad” were members of the free black community (including former slaves like Harriet Tubman), Northern abolitionists, philanthropists and church leaders like Quaker Thomas Garrett. Harriet Beecher Stowe, famous for her novel Uncle Tom’s Cabin, gained firsthand knowledge of the plight of fugitive slaves through contacts with the Underground Railroad in Cincinnati, Ohio.

The Underground Railroad was the term used to describe a network of persons who helped escaped slaves on their way to freedom in the northern states or Canada. Although George Washington had commented upon such practices by the Quakers as early as the 1780s, the term gained currency in the 1830s, as northern abolitionists became more vocal and southern suspicions of threats to their peculiar institution grew.

Did You Know?
Rewards offered by slaveholders for the capture of Harriet Tubman eventually totaled $40,000.

The popular perception of a well-coordinated system of Quaker, Covenanter, and Methodist “conductors” secretly helping fugitives from “station” to “station” is an exaggeration. The practice involved more spontaneity than the railroad analogy suggests. By the time escapees reached areas where sympathetic persons might assist them, they had already completed the most difficult part of their journey. A successful escape was usually less the product of coordinated assistance and more a matter of the runaways’ resourcefulness–and a great deal of luck.

The most active of the Railroad workers were northern free blacks, who had little or no support from white abolitionists. The most famous “conductor,” an escaped slave named Harriet Tubman, reportedly made nineteen return trips to the South; she helped some three hundred slaves escape. A number of individual whites also aided runaways, as did “vigilance committees,” often biracial in character, in northern cities.

Estimates of the number of slaves assisted vary widely, but only a minuscule fraction of those held in bondage ever escaped. Few, particularly from the Lower South, even attempted the arduous journey north. But the idea of organized “outsiders” undermining the institution of slavery angered white southerners, leading to their demands in the 1840s that the Fugitive Slave Laws be strengthened.


The Reader’s Companion to American History. Eric Foner and John A. Garraty, Editors. Copyright © 1991 by Houghton Mifflin Harcourt Publishing Company. All rights reserved.

Underground Railroad
Author
History.com Staff

Website Name
History.com

Year Published
2009

Title
Underground Railroad

URL
http://www.history.com/topics/black-history/underground-railroad

Access Date
July 23, 2015

Publisher
A+E Networks

Die ägyptische Revolution 2011: Mechanismen von Gewalt und Gewaltlosigkeit

Ein Vortrag von:
Prof. Dr. Patricia Bauer
PD Dr. Michael Berndt
Prof. Dr. Bertold Schweitzer



















Montag

Jerusalem im Jahre 26 n.Chr.

Jerusalem im Jahre 26 n.Chr. Josephus Flavius berichtet von einem Ereignis, an dem „Tausende von Juden” beteiligt waren (Bell. II,9,171f). Es ging um die verpönten Bilder des „Gott-Kaisers” in Rom, die Pilatus nächtens nach Jerusalem hatte bringen lassen, um die Juden zu dessen Verehrung zu veranlassen:
„Die Juden erhoben sich gegen Pilatus in Caesarea, um ihn zu bitten, die Bilder aus Jerusalem zu entfernen [...] Da Pilatus sich weigerte, lagerten sie sich um sein Haus und blieben dort fünf Tage und fünf Nächte. Am sechsten Tag begab sich Pilatus vor sein Tribunal im großen Stadion und rief das Volk unter dem Vorwand zusammen, auf sein Begehren antworten zu wollen; den bewaffneten Soldaten gab er den Befehl, die Juden zu umzingeln. Als die Juden sahen, wie die Soldaten sie mit einem dreifachen Ring umgaben, blieben sie vor diesem unerwarteten Schauspiel stumm. Pilatus, nachdem er ihnen erklärt hatte, er wolle sie töten lassen, falls sie das Bildnis des Kaisers nicht anerkennen würden, gab den Soldaten das Zeichen, ihre Schwerter zu ziehen. Doch die Juden warfen sich, wie auf einen gemeinsamen Befehl, auf die Erde und boten ihren Nacken dar, alle bereit, lieber zu sterben, als das Gesetz zu verletzen. Von diesem religiösen Eifer überwältigt [wörtlich: Das Lautere der Gottesfurcht überbewundernd] , gab Pilatus den Befehl, die Bilder aus Jerusalem zu entfernen.”

Falls Jesus von Nazareth nicht selbst dabei war, so hat er doch mit Sicherheit davon gewusst. Seine Seligpreisungen und die Worte zur Feindesliebe dürften davon beeinflusst sein. (Martin Arnold)

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Tusculum, 4. Jahrhundert v.Chr.

Tusculum, Rom, 4. Jahrhundert v.Chr. Krieg gegen Tusculum, Camillus solle ihn führen, dies beschloss der römische Senat, denn obwohl Tusculum mit Rom verbündet war, hatten Tusculaner mit Erlaubnis ihres Staates zusammen mit den Volskern gegen Rom gekämpft. Titus Livius berichtet davon in seiner Römischen Geschichte Seit der Gründung der Stadt (Buch VI, 25f). Unabhängig von der Frage, wie zuverlässig der Geschichtsschreiber hier erzählt,  können wir das Geschilderte einschließlich der ungewöhnlichen Fortsetzung zum Anlass für weitergehende Überlegungen nehmen. Camillus lässt das römische Heer gegen Tusculum ausrücken, ein Lager aufschlagen – und findet Tusculaner draußen auf den Feldern arbeiten und das Stadttor offen. In Scharen gehen Tusculaner zivil gekleidet den Bewaffneten furchtlos entgegen und bringen den Römern Lebensmittel ins Lager. Camillus vergewissert sich in der Stadt, dass dort ebenso beständiger und ruhiger Friede und normales Treiben herrscht wie vor dem Tor, die Haustüren sind offen. „Entwaffnet durch diese Gelassenheit der Feinde“ (Victus igitur patientia hostium) leitet Camillus das Ende des geplanten Krieges mit den Worten ein: „Tusculaner, ihr habt die wahren Waffen und die wahren Kräfte gefunden, mit denen ihr euer Eigentum vor dem Zorn der Römer schützen werdet.“ Er schickt sie nach Rom, sie sagen dem Senat u.a.: „Wir danken euren Feldherrn sowohl als euren Heeren, dass sie [...] wo kein Feind war, auch keinen finden wollten. [...] Soll uns die Übermacht eurer Waffen fühlbar werden, so wollen wir sie wehrlos fühlen.“ Rom zieht die Soldaten ab.
Durch patientia haben die Feinde den Feldherrn besiegt. Der Geschichtsschreiber lässt den als tugendhaft und vorbildlich dargestellten Feldherrn patientia als wahre Waffe und wahre Kräfte zum Schutz vor Krieg bezeichnen.
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Dramatik in Birmingham

  Mehrere hundert "Neger" von Birmingham hatten beschlossen, sich zu einer Gebetsversammlung in der Nähe des Stadtgefängnisses zu versammeln. Sie trafen sich an der New Pilgrim Baptist Church und setzten sich geordnet in Marsch. "Bull" Connor ließ Polizeihunde holen und Wasserwerfer auffahren. Als die Marschierenden sich der Grenze zwischen dem weißen und dem schwarzen Bezirk näherten, befahl ihnen Connor umzukehren. Reverend Charles Billups, der den Zug anführte, weigerte sich höflich. "Bull" Connor kam in Wut, drehte sich zu seinen Männern um und brüllte:
  "Verdammt! Wasser frei!"
  Was in den nächsten dreißig Sekunden geschah, gehört zu den phantastischsten Ereignissen von Birmingham. "Bull" Connors Leute standen den Marschierenden gegenüber, die mörderischen Schläuche zum Einsatz bereit. Die Demonstranten starrten unverwandt zurück, furcht- und regungslos; viele von ihnen knieten. Langsam erhoben sich die Neger und begannen vorwärts zu gehen. Connors Leute wichen wie gebannt zurück, die Schläuche hingen schlaff in ihren Händen, während Hunderte von Negern vorbeizogen und ungehindert ihre geplante Gebetsversammlung abhielten.



(Quelle: Gernot Jochheim, Die Gewaltfreie Aktion, Hamburg 1984, S.314)

Donnerstag

Die Frauen von Medellin: Trinkwasser für das Barrio

Die Frauen von Medellin: Trinkwasser für das Barrio

Medellin liegt in einem Tal: die moderne Großstadt unten in der Talsohle, an den Hängen ziehen sich die Elendsviertel (Barrios) hinauf. In den 1960er Jahren lebten dort in einem sehr großen Barrio etwa 30 000 Menschen unter katastrophalen Bedingungen: Sie hatten weder Strom noch Straßen und, was neben der Arbeitslosigkeit das Schlimmste war, es gab keine Trinkwasserversorgung. Das führte u. a. zu hoher Kindersterblichkeit.
Die Bewohnerinnen mussten sich das Wasser unten im Tal an Zapfstellen holen und es dann zwei Kilometer den Berg hinaufschleppen. Außerdem mussten sie auch noch dafür bezahlen. – In diesem Barrio baute ein Priester Basisgemeinden auf. Die Menschen lasen gemeinsam in der Bibel und entdeckten, dass sie Würde und Rechte besaßen. Sie lernten, dass sie ihre Situation nicht einfach hinnehmen müssten, sondern dass es eine Möglichkeit gab, das Unrecht nicht mit neuem Unrecht, sondern aus der Kraft, die Gottes Frohe Botschaft schenkt, also aus der Liebe, der Gerechtigkeit, der Wahrheit, zu überwinden. Ein Gütekraft-Seminar stärkte sie und zeigte ihnen methodische Möglichkeiten, ihre neu entdeckte Kraft anzuwenden. Eine Gruppe von Frauen beschloss daraufhin, sich zunächst für die Trinkwasserversorgung einzusetzen.

Zuerst versuchten sie es mit einem Dialog. Medellin ist eine reiche Stadt von mehr als einer Million Einwohnern. Es gelang den Frauen, zur Stadtverwaltung vorzudringen, um dort ihr Problem vorzutragen. Sie baten darum, dem Bairro Trinkwasser zuzuleiten. Die Antwort war: Zurzeit gebe es kein Geld dafür, aber in ein paar Monaten werde man mit ihnen über das Projekt sprechen, sie sollten nur ruhig wieder nach Hause gehen. Die Frauen gingen wieder nach Hause und warteten, aber nichts geschah.
Sie erkannten, dass das an dem Missverhältnis der Machtverteilung zwischen ein paar armen Frauen und der Stadtverwaltung lag. Um als Verhandlungspartner mehr Gewicht zu bekommen, wollten sie ihre Machtstellung dadurch verbessern, dass sie einflussreiche Gruppen zur Solidarität einluden. Wen könnten sie am ehesten ansprechen und für sich gewinnen? Sie setzten auf die wohlhabenden Frauen unten in der Stadt. Diese Frauen würden sich vermutlich für sie einsetzten, wenn sie von der Situation der armen Frauen erführen. Die Frauen aus dem Barrio bildeten zehn Gruppen. An einem festgesetzten Tag stiegen sie, jede mit ihrem jüngsten Kind auf dem Arm, hinunter zur Plaza, dem schönen, alten Platz mitten in der Stadt, der von Boutiquen umgeben ist, in denen die gut Situierten einkaufen. In der Mitte der Plaza steht ein großer Springbrunnen, aus dem Tag und Nacht Wasser fließt. Der Wind trägt Wasser über den Rand des Brunnens hinaus, sodass um ihn herum Pfützen auf dem Pflaster entstehen. Die erste Gruppe nähert sich dem Brunnen. Die Frauen fangen an, ihre Kinder zu waschen, aber nicht etwa in dem Brunnen, sondern in den Pfützen. Gleich bleiben wohlhabende Frauen stehen und sagen: „Ihr seid verrückt, ihr seid dumm! Wie könnt ihr eure Kinder in dem schmutzigen Wasser waschen? Sie werden daran sterben!“ Das ist die Gelegenheit! Die armen Frauen können den reichen Frauen von ihrem Leid erzählen! Sie sagen:  „Dies ist ein Symbol. Wir leben da oben in dem Barrio, da gibt es zwar Regenwasser, aber kein Trinkwasser. Wir haben die Stadtverwaltung gebeten, aber sie hat sich bisher nicht um eine Trinkwasserleitung für uns gekümmert.“ Kaum hat das Gespräch begonnen, da verjagen Polizisten die armen Frauen: „Hier werden keine Kinder gewaschen!“ Nach zehn Minuten kommt die zweite Gruppe. Die Szene wiederholt sich fünf oder sechs Mal: Immer wieder kommt eine neue Gruppe, immer mehr Polizei kommt hinzu und immer mehr Frauen bleiben stehen. Als ein Polizist eine der armen Frauen und ihr Kind mit dem Knüppel schlägt, tritt eine wohlhabende Frau dazwischen: „Mein Herr, wenn Ihre Frau in der Situation wäre, würde sie dasselbe tun!“ Das wirkt. Schließlich bilden arme und wohlhabende Frauen zusammen eine kleine Gruppe, die sich einige Male trifft. Nach wenigen Wochen sind sie gemeinsam bei der Stadtverwaltung, es kommt zu einem Gespräch. Die armen Frauen haben inzwischen auch ihre Männer dafür gewonnen, sich aktiv für ihre Versorgung mit Trinkwasser einzusetzen: Sie erklären sich bereit, die Gräben für die Wasserleitung auszuheben, um die Kosten der Stadtverwaltung zu senken.
Die Wasserleitung wurde gebaut.

Ein Stein oben am Hügel erinnert an das Ereignis. Die Inschrift lautet: „Zu Ehren der Frauen vom Barrio Santo Domingo, die den Mut hatten, für die Wasserleitung zu kämpfen“. Aus dieser ersten Erfahrung der Frauen mit der Kraft, die in ihnen liegt, entstanden weitere Initiativen. Als der Priester (aufgrund einer Anzeige) versetzt wurde, waren die Armen im Barrio in der Lage, selbstständig weiterzuarbeiten.

Nach: Goss-Mayr, Hildegard (2002): Elemente der Gütekraft. An Hand von Beispielen erklärt. In: gewaltfreie aktion, Jg. 34, H. 131, S. 17f.

Leipzig 1989 – Friedliche Revolution, ein kommentierter Gütekraftbericht

Von Martin Arnold

Am 9. Oktober 1989 stießen in Leipzig 70.000 Menschen mit Gütekraft das Tor zur Überwindung der DDR-Diktatur auf.

Entscheidenden Einfluss hatte eine Kerngruppe, deren Beharrlichkeit gegen alle Widerstände den langsamen Aufbau eines starken Netzwerks ermöglicht hatte. (Hier kommen nur die wichtigsten Fakten des komplexen Geschehens zur Sprache.) Sie bildete sich seit 1982 aus denen, die das Friedensgebet in der evangelischen Nikolaikirche montags um 17 Uhr gestalteten, und wurde von Pfarrer Christian Führer, dem Gemeinderat und auch auf höherer kirchlicher Ebene gestützt und mit Mühe gegen staatliche Angriffe geschützt. Zur Bewusstseins- und Netzwerkbildung trugen u.a. Ökumenische Versammlungen mit ihrem Eintreten für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung und Impulse aus dem Ausland wesentlich bei.



In der ganzen DDR, auch in Leipzig, wurden Menschen in ihrer Meinungsfreiheit unterdrückt und außerdem Tausende von Ausreisewilligen gesellschaftlich total ausgegrenzt; viele waren empört, viele hatten resigniert. Sie gehörten damit in kirchlicher Wahrnehmung zu den „Mühseligen und Beladenen“, für die Jesus gekommen sei und um die sich daher die Kirche zu kümmern habe. Für beide Gruppen stellte die Nikolaikirche – „offen für alle“ – einen Raum offener Begegnung und des freien Gesprächs zur Verfügung. Da die Friedensgebete von den verschiedenen Gruppen gestaltet wurden, fanden auch die Inhalte dieser Gespräche einen kirchen-öffentlichen, sozusagen offiziellen Ausdruck.
Der freie Dialog auch über Politik und Gesellschaft für die Zukunft des Landes, den die DDR-Politik allgemein verhinderte, wurde im Friedensgebet so selbst in einem geschützten Raum quasi-öffentlich begonnen.

Das ist ein wichtiges Kennzeichen des gütekräftigen Vorgehens: Selbst zu beginnen und so die angestrebte Veränderung selbst bereits ansatzweise in Gang zu setzen ist stark. Es ist viel kraftvoller, als einfach nur Forderungen an andere zu richten. Denn es steckt an.

Bei dem Beten wurden bestimmte Grundsätze beachtet: Es soll als Wort der Versöhnung geschehen; keine bloßen Wirklichkeitsbeschreibungen, die in Ausweglosigkeit enden; ein Mindestmaß an Konstruktivität; keine Herabwürdigung von Personen – Gewaltfreiheit vermeidet auch verbale Gewalt; ungeschminkte, ehrliche Zeugnisse der Betroffenheit in Trauer und Wut ohne „die unerträgliche Ausgewogenheit vieler kirchlicher Verlautbarungen“; wahrheitsgemäßes Aufdecken von Unrecht.



All dies zu beachten ist typisch nicht nur für diesen christlichen Umgang mit Problemen, sondern auch allgemein für gütekräftiges Handeln.
So miteinander zu reden und solches Beten, vor allem, wenn es zur Gewohnheit wird, verändert Menschen, die nur noch empört oder hoffnungslos sind oder resigniert haben. Die Anliegen „vor Gott zu bringen“, entlastet von der Vorstellung, selbst alles machen zu müssen, entlastet von eigener Überforderung und ermöglicht Hoffnung durch die Befreiung zu realistischer Beurteilung der Lage, die ja immer zukunftsoffen ist. So veränderte Menschen fassten Vertrauen in die Zukunft anstatt in Wut oder in Angst zu versinken. Je mehr Menschen bewusst in diesem Geist zusammen sind und ihm Ausdruck geben, desto stärker werden Vertrauen, Mut und Hoffnung auf die Zukunft. 

Zwei Tage vor dem 9. Oktober feierte die DDR-Führung das 40jährige Bestehen dieses Staates und demonstrierte wie bereits an einigen Montagen zuvor Skrupellosigkeit, indem sie nicht nur auf Demonstrierende, sondern auch willkürlich auf Passanten, die zufällig vor der Nikolaikirche vorbeigingen, einprügeln und einige von ihnen einsperren ließ – offensichtlich zur Einschüchterung. Ihr war das Friedensgebet ein Dorn im Auge, zumal sich seit einiger Zeit regelmäßig nachher draußen immer mehr Menschen versammelten, öffentlich diskutierten und demonstrierten.
Am 9. Oktober sollte „dem Spuk ein Ende bereitet werden“. Polizei, Soldaten und Betriebskampfgruppen waren aufgestellt, 8000 Bewaffnete. Blutkonserven waren mengenweise in Leipziger Krankenhäusern bereitgestellt. (Wenige Monate zuvor hatte die Pekinger Führung auf dem Platz des Himmlischen Friedens die für Freiheit demonstrierenden Massen grausam umbringen lassen, die DDR-Regierung war einverstanden.) Betriebe, Kindergärten und Schulen schlossen an diesem Tag früher als sonst. Die Bevölkerung wurde davor gewarnt, am Nachmittag auf die Straße zu gehen. Die Kirche, die ganze Stadt stand unter Druck.



In dieser Situation äußerster Anspannung und geschürter Angst behielten viele Menschen dennoch das Vertrauen in die Zukunft und den Mut, die im Laufe von Wochen und Monaten im Zusammensein bei den Gebeten gewachsen waren. Das Praktizieren des offenen Dialogs und die Forderung des offenen Dialogs bei ausdrücklicher Ablehnung von Gewalt hatten Tausende inspiriert. Eltern, die trotz der Massenmord-Drohungen am Friedensgebet teilnahmen, sorgten für den Fall, dass sie nicht wieder nach Hause kommen würden, vor, wer dann für ihre Kinder sorgen würde. Die Nikolaikirche fasste schon vor dem 9. Oktober die Massen nicht mehr. Daher wurde gleichzeitig auch in anderen Kirchen für Frieden gebetet. Um am Entscheidungstag wirklich Interessierten möglichst wenig Platz zu lassen, kamen tausend SED-Funktionäre Stunden vor Beginn in die Nikolaikirche, Christian Führer sieht dies „als einen besonders humorvollen Schachzug Gottes“. Denn auch diese Nichtchristen hörten nun die gütekräftige Jesus-Botschaft von der Gewaltfreiheit – und auch sie hielten sich hinterher an die Bitte „Nehmt die Gewaltlosigkeit aus der Kirche mit hinaus auf die Straßen und Plätze!“ Christian Führer: „Straße und Kirche gehören zusammen!“ In den Kirchen war die Atmosphäre christlich-gütekräftig. Hier und im Rundfunk wurde ein „Aufruf der Sechs“ Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, darunter drei SED-Sekretäre, verlesen, die sich für den Dialog auch mit der Staatsführung – und damit gegen deren Gewalt-Maßnahmen - einsetzten. Nach dem Gebet strömten insgesamt 70.000 friedlich Demonstrierende, viele mit Kerzen in der Hand, auf den Leipziger Ring. Dort wurde schon Stunden zuvor ein illegal gedruckter „Appell“ zur Gewaltlosigkeit massenhaft verteilt – auch an die Bewaffneten. Provokationen wurden von den anderen Demonstrierenden niedergehalten.
Die politische Führung hatte nicht mit solchen Massen gerechnet und war „auf alles, nur nicht auf Kerzen und Gebete vorbereitet“. Es gab schließlich doch keinen Befehl zu Festnahmen oder zum Einsatz von Schlagstöcken oder Schusswaffen. Tiefe Verunsicherung führender Personen wurde damit auch unter diesen manifest. Sie wurde in den folgenden Wochen so stark, dass der Staat zusammenbrach.

Die Ereignisse belegen eindrücklich die große, ansteckende Kraft des gütekräftigen Vorgehens gegen Missstände, das von den Friedensgebeten ausging. 
Der Hintergrund für die Unterdrückung freier Meinungsäußerungen und für die Ausgrenzung Ausreisewilliger war, allen bewusst, der totalitäre Anspruch des Staates, der alle Lebensbereiche aller Staatsbürger und Staatsbürgerinnen beherrschen wollte. Dies war, Christian Führer sah es klar, der eigentliche Missstand. Unter ihm litten große Teile der Bevölkerung mehr oder weniger, sicherlich auch Mitglieder der Partei, in die viele aus beruflichen Gründen und nicht aus Überzeugung eingetreten waren. Die Berechtigung des Totalitätsanspruchs wurde durch Christinnen und Christen bestritten. Das freie Wort war ein Akt der Nichtzusammenarbeit mit dem Missstand. Eine Kirche, die dafür legal Raum bot, entfiel damit als Stütze des Systems. Zunächst nutzten diejenigen diesen Raum, die aus ihrem Nicht-einverstanden-sein schon persönliche, riskante Folgerungen gezogen hatten: protestierende Jugendliche und Ausreiseantragsteller*innen. Auch Menschen, die sich noch nicht entschieden hatten, wurden durch sie zur montäglichen Teilnahme angeregt. Das gütekräftig gestaltete Gebet und die offenen Gespräche, schließlich auch Demonstrationen (und Beiträge für das Westfernsehen, das die Vorgänge auch weit in der DDR bekannt machte) erwiesen sich als angemessene Medien zum ansteckenden gütekräftigen Umgang mit dem Missstand. Der „Aufruf der Sechs“ zeigt darüber hinaus: Michail Gorbatschows Moskauer Glasnost-Politik (Offenheit, Transparenz, Öffentlichkeit) und der Runde Tisch der polnischen Staatsführung mit der Solidarność-Bewegung ermutigten auch sozialistische Funktionäre in der DDR, politischen Dialog als sinnvoll anzusehen und folglich dem Missstand ‚totalitärer Staat‘ die Zusammenarbeit aufzukündigen. Der Konflikt war auf der SED-Führungsebene  angekommen. Zum gütekräftigen Vorgehen gehört bei größeren Missständen klassisch dazu, unter denen, die den Missstand aufrechterhalten, Widerspruch gegen ihn zu wecken und zu verstärken. 
Bei der Rosenkranzrevolution auf den Philippinen 1986 wurde methodisch reflektiert genau darauf systematisch hingearbeitet. Bei der Friedlichen Revolution in der DDR geschah die Verunsicherung der herrschenden Kreise, ohne dass die Unzufriedenen gezielt darauf hinarbeiteten. In Leipzig wirkte die Strahlkraft der Friedensgebete, der am 9. Oktober auch die tausend Funktionäre in St. Nikolai ausgesetzt waren. Sie rief nicht nur die Überzeugung von der Richtigkeit des Dialogs, sondern auch die innere Bereitschaft dazu hervor und mit ihr den tragenden Grund für den Verzicht auf Gewalt gegen Andersdenkende. Der Verzicht auf Gewalt bedeutete als Zeichen der Bereitschaft zum Dialog für die SED, als Partei den Anspruch auf alleinigen Wahrheitsbesitz aufzugeben. Damit entfiel die Rechtfertigung für den – notfalls mit Waffen durchzusetzenden –  Totalitätsanspruch. Dieser wurde nun, weil er dem Dialog im Wege stand, für alle als Missstand erkennbar. Das war die revolutionäre Botschaft, die von Leipzig ausgehend das empfangsbereite Land elektrisierte und unabweisbar auch sämtliche Führungsebenen erreichte. Nahezu im ganzen Land wurde sie an den folgenden Montagen von Hunderttausenden verstärkt. Was bedeutete dies für diejenigen, die vor allem aus jenem Wahrheitsanspruch ihr Selbstverständnis und ihren Auftrag als Regierende herleiteten? Die Botschaft von der Notwendigkeit des Dialogs war so stark, dass es für sie nur noch eine Frage der Zeit war, abzutreten.
Christian Führer leitete aus den Erfahrungen mit Nichtchrist*innen bei diesen Vorgängen die Forderung einer „Ökumene mit Atheisten“ ab. 
Unter Gütekraft-Aspekten betrachtet steckt darin die Frage, warum Nichtchrist*innen bis hin zu hohen sozialistischen Funktionären schließlich mitmachten. Führer sieht darin das Wirken Gottes, teils ohne dass sie ahnen, Gottes Werkzeuge zu sein (wie Kyros [Jes. 45,1] und Gorbatschow), teils indem sie von der biblischen Botschaft berührt wurden. Es ist das Wirken „einer einzigartigen Kraft, die die friedliche Revolution gelingen ließ“ (Führer). Diese Sicht ist gut vereinbar mit der allgemeineren Antwort, die der Vergleich mit anderen Vorgängen weltweit nahelegt: 
Die Fähigkeit zu gütekräftigem Handeln ist dem Menschen angeboren wie die Sprache: So wie wir sprechen lernen können, sind auch alle Menschen in der Lage, Gutes zu tun. Dies beruht auf der naturgegebenen Verbundenheit aller Menschen miteinander (biblisch: der Mensch ist Gottes Ebenbild, vgl. das Verhalten des ‚ungläubigen‘ barmherzigen Samariters). Diese Verbundenheit bringt die Neigung mit sich, allen mit Wohlwollen und Gerechtigkeit sowie mit Einfühlung und der Bereitschaft zu gemeinsamem Handeln zu begegnen (Gütekraft-Potenz). Darum entsteht in Menschen, die wahrnehmen, dass jemand dabei tätig ist, Unterdrückung, Unrecht oder Unmenschlichkeit abzubauen, ein inneres Mitschwingen und ein Impuls mitzumachen. Ob sie es tun, hängt von weiteren Faktoren ab. Wir spüren jedoch alle zumindest unbewusst, dass der Einsatz für Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Freiheit zu unserem Menschsein gehört, und sind deshalb grundsätzlich bereit, uns zum Gutestun anstecken zu lassen. Darum ist möglich, was Paulus (Röm. 12,21) empfiehlt: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde Böses mit Gutem“. Und darum beschreibt der Koran (Sure 41, [33. 34] 35) eine Wirklichkeit: „Gutes und Böses ist nicht einerlei; darum wende das Böse durch Gutes ab, dann wird selbst dein Feind dir zum echten Freund werden.“ Es muss nicht immer ein persönlicher Freund werden, es kann auch ein Mitstreiter gegen Unterdrückung werden, der vorher das System unterstützte. Wenn viele sich anstecken lassen, können so auch Strukturen geändert werden. Dies geschieht – geplant oder ungeplant – dadurch, dass immer mehr von denjenigen Personen, die eine ungerechte Struktur aufrechterhalten, zur Nichtzusammenarbeit übergehen – bis die Struktur kippt. Wichtig ist, frühzeitig die besseren Möglichkeiten zu entwerfen und im Ansatz bereits zu verwirklichen.


Quellen:
- Führer, Christian (2009): Und wir sind dabei gewesen. Die Revolution, die aus der Kirche kam. Berlin: Ullstein.
- Führer, Christian (2014): Frech - fromm - frei. Worte, die Geschichte schrieben.
Leipzig: Evang. Verl.-Anst.
- Mündliche Berichte von Augenzeugen in Leipzig.
- Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung e.V. – Vorstand (Hg.) (2008): Bericht über das Kolloquium 2008…: Wissenschaftlicher Kongress „Frieden mit dem Unfrieden? Wissensbestände im Wandel“, 29.2.2008 bis 2.3.2008, Leipzig. Online: http://www.afk-web.de/fileadmin/afk-web.de/data/zentral/dokumente/tagungsberichte/AFK-Tagung-2008_Koll_Frieden-mit-dem-Unfrieden.pdf , S. 19-24 [Zugriff 21.09.2014].
- Wikipedia-Artikel zu: Ökumenische Versammlung, Friedliche Revolution, Montagsdemonstrationen [Zugriff 21.09.2014].
- Bürger, Eberhard (2013): Kirche des Friedens werden – Aufbrüche im Bereich der ehemaligen DDR. Eine persönliche Studie zum 25. Jahr der friedlichen Revolution im Jahr 2014. Hg. Deutscher Zweig des International Fellowship of Reconciliation – Versöhnungsbund e.V. ISBN 978-3-00-042460-1