Donnerstag

Leipzig 1989 – Friedliche Revolution, ein kommentierter Gütekraftbericht

Von Martin Arnold

Am 9. Oktober 1989 stießen in Leipzig 70.000 Menschen mit Gütekraft das Tor zur Überwindung der DDR-Diktatur auf.

Entscheidenden Einfluss hatte eine Kerngruppe, deren Beharrlichkeit gegen alle Widerstände den langsamen Aufbau eines starken Netzwerks ermöglicht hatte. (Hier kommen nur die wichtigsten Fakten des komplexen Geschehens zur Sprache.) Sie bildete sich seit 1982 aus denen, die das Friedensgebet in der evangelischen Nikolaikirche montags um 17 Uhr gestalteten, und wurde von Pfarrer Christian Führer, dem Gemeinderat und auch auf höherer kirchlicher Ebene gestützt und mit Mühe gegen staatliche Angriffe geschützt. Zur Bewusstseins- und Netzwerkbildung trugen u.a. Ökumenische Versammlungen mit ihrem Eintreten für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung und Impulse aus dem Ausland wesentlich bei.



In der ganzen DDR, auch in Leipzig, wurden Menschen in ihrer Meinungsfreiheit unterdrückt und außerdem Tausende von Ausreisewilligen gesellschaftlich total ausgegrenzt; viele waren empört, viele hatten resigniert. Sie gehörten damit in kirchlicher Wahrnehmung zu den „Mühseligen und Beladenen“, für die Jesus gekommen sei und um die sich daher die Kirche zu kümmern habe. Für beide Gruppen stellte die Nikolaikirche – „offen für alle“ – einen Raum offener Begegnung und des freien Gesprächs zur Verfügung. Da die Friedensgebete von den verschiedenen Gruppen gestaltet wurden, fanden auch die Inhalte dieser Gespräche einen kirchen-öffentlichen, sozusagen offiziellen Ausdruck.
Der freie Dialog auch über Politik und Gesellschaft für die Zukunft des Landes, den die DDR-Politik allgemein verhinderte, wurde im Friedensgebet so selbst in einem geschützten Raum quasi-öffentlich begonnen.

Das ist ein wichtiges Kennzeichen des gütekräftigen Vorgehens: Selbst zu beginnen und so die angestrebte Veränderung selbst bereits ansatzweise in Gang zu setzen ist stark. Es ist viel kraftvoller, als einfach nur Forderungen an andere zu richten. Denn es steckt an.

Bei dem Beten wurden bestimmte Grundsätze beachtet: Es soll als Wort der Versöhnung geschehen; keine bloßen Wirklichkeitsbeschreibungen, die in Ausweglosigkeit enden; ein Mindestmaß an Konstruktivität; keine Herabwürdigung von Personen – Gewaltfreiheit vermeidet auch verbale Gewalt; ungeschminkte, ehrliche Zeugnisse der Betroffenheit in Trauer und Wut ohne „die unerträgliche Ausgewogenheit vieler kirchlicher Verlautbarungen“; wahrheitsgemäßes Aufdecken von Unrecht.



All dies zu beachten ist typisch nicht nur für diesen christlichen Umgang mit Problemen, sondern auch allgemein für gütekräftiges Handeln.
So miteinander zu reden und solches Beten, vor allem, wenn es zur Gewohnheit wird, verändert Menschen, die nur noch empört oder hoffnungslos sind oder resigniert haben. Die Anliegen „vor Gott zu bringen“, entlastet von der Vorstellung, selbst alles machen zu müssen, entlastet von eigener Überforderung und ermöglicht Hoffnung durch die Befreiung zu realistischer Beurteilung der Lage, die ja immer zukunftsoffen ist. So veränderte Menschen fassten Vertrauen in die Zukunft anstatt in Wut oder in Angst zu versinken. Je mehr Menschen bewusst in diesem Geist zusammen sind und ihm Ausdruck geben, desto stärker werden Vertrauen, Mut und Hoffnung auf die Zukunft. 

Zwei Tage vor dem 9. Oktober feierte die DDR-Führung das 40jährige Bestehen dieses Staates und demonstrierte wie bereits an einigen Montagen zuvor Skrupellosigkeit, indem sie nicht nur auf Demonstrierende, sondern auch willkürlich auf Passanten, die zufällig vor der Nikolaikirche vorbeigingen, einprügeln und einige von ihnen einsperren ließ – offensichtlich zur Einschüchterung. Ihr war das Friedensgebet ein Dorn im Auge, zumal sich seit einiger Zeit regelmäßig nachher draußen immer mehr Menschen versammelten, öffentlich diskutierten und demonstrierten.
Am 9. Oktober sollte „dem Spuk ein Ende bereitet werden“. Polizei, Soldaten und Betriebskampfgruppen waren aufgestellt, 8000 Bewaffnete. Blutkonserven waren mengenweise in Leipziger Krankenhäusern bereitgestellt. (Wenige Monate zuvor hatte die Pekinger Führung auf dem Platz des Himmlischen Friedens die für Freiheit demonstrierenden Massen grausam umbringen lassen, die DDR-Regierung war einverstanden.) Betriebe, Kindergärten und Schulen schlossen an diesem Tag früher als sonst. Die Bevölkerung wurde davor gewarnt, am Nachmittag auf die Straße zu gehen. Die Kirche, die ganze Stadt stand unter Druck.



In dieser Situation äußerster Anspannung und geschürter Angst behielten viele Menschen dennoch das Vertrauen in die Zukunft und den Mut, die im Laufe von Wochen und Monaten im Zusammensein bei den Gebeten gewachsen waren. Das Praktizieren des offenen Dialogs und die Forderung des offenen Dialogs bei ausdrücklicher Ablehnung von Gewalt hatten Tausende inspiriert. Eltern, die trotz der Massenmord-Drohungen am Friedensgebet teilnahmen, sorgten für den Fall, dass sie nicht wieder nach Hause kommen würden, vor, wer dann für ihre Kinder sorgen würde. Die Nikolaikirche fasste schon vor dem 9. Oktober die Massen nicht mehr. Daher wurde gleichzeitig auch in anderen Kirchen für Frieden gebetet. Um am Entscheidungstag wirklich Interessierten möglichst wenig Platz zu lassen, kamen tausend SED-Funktionäre Stunden vor Beginn in die Nikolaikirche, Christian Führer sieht dies „als einen besonders humorvollen Schachzug Gottes“. Denn auch diese Nichtchristen hörten nun die gütekräftige Jesus-Botschaft von der Gewaltfreiheit – und auch sie hielten sich hinterher an die Bitte „Nehmt die Gewaltlosigkeit aus der Kirche mit hinaus auf die Straßen und Plätze!“ Christian Führer: „Straße und Kirche gehören zusammen!“ In den Kirchen war die Atmosphäre christlich-gütekräftig. Hier und im Rundfunk wurde ein „Aufruf der Sechs“ Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, darunter drei SED-Sekretäre, verlesen, die sich für den Dialog auch mit der Staatsführung – und damit gegen deren Gewalt-Maßnahmen - einsetzten. Nach dem Gebet strömten insgesamt 70.000 friedlich Demonstrierende, viele mit Kerzen in der Hand, auf den Leipziger Ring. Dort wurde schon Stunden zuvor ein illegal gedruckter „Appell“ zur Gewaltlosigkeit massenhaft verteilt – auch an die Bewaffneten. Provokationen wurden von den anderen Demonstrierenden niedergehalten.
Die politische Führung hatte nicht mit solchen Massen gerechnet und war „auf alles, nur nicht auf Kerzen und Gebete vorbereitet“. Es gab schließlich doch keinen Befehl zu Festnahmen oder zum Einsatz von Schlagstöcken oder Schusswaffen. Tiefe Verunsicherung führender Personen wurde damit auch unter diesen manifest. Sie wurde in den folgenden Wochen so stark, dass der Staat zusammenbrach.

Die Ereignisse belegen eindrücklich die große, ansteckende Kraft des gütekräftigen Vorgehens gegen Missstände, das von den Friedensgebeten ausging. 
Der Hintergrund für die Unterdrückung freier Meinungsäußerungen und für die Ausgrenzung Ausreisewilliger war, allen bewusst, der totalitäre Anspruch des Staates, der alle Lebensbereiche aller Staatsbürger und Staatsbürgerinnen beherrschen wollte. Dies war, Christian Führer sah es klar, der eigentliche Missstand. Unter ihm litten große Teile der Bevölkerung mehr oder weniger, sicherlich auch Mitglieder der Partei, in die viele aus beruflichen Gründen und nicht aus Überzeugung eingetreten waren. Die Berechtigung des Totalitätsanspruchs wurde durch Christinnen und Christen bestritten. Das freie Wort war ein Akt der Nichtzusammenarbeit mit dem Missstand. Eine Kirche, die dafür legal Raum bot, entfiel damit als Stütze des Systems. Zunächst nutzten diejenigen diesen Raum, die aus ihrem Nicht-einverstanden-sein schon persönliche, riskante Folgerungen gezogen hatten: protestierende Jugendliche und Ausreiseantragsteller*innen. Auch Menschen, die sich noch nicht entschieden hatten, wurden durch sie zur montäglichen Teilnahme angeregt. Das gütekräftig gestaltete Gebet und die offenen Gespräche, schließlich auch Demonstrationen (und Beiträge für das Westfernsehen, das die Vorgänge auch weit in der DDR bekannt machte) erwiesen sich als angemessene Medien zum ansteckenden gütekräftigen Umgang mit dem Missstand. Der „Aufruf der Sechs“ zeigt darüber hinaus: Michail Gorbatschows Moskauer Glasnost-Politik (Offenheit, Transparenz, Öffentlichkeit) und der Runde Tisch der polnischen Staatsführung mit der Solidarność-Bewegung ermutigten auch sozialistische Funktionäre in der DDR, politischen Dialog als sinnvoll anzusehen und folglich dem Missstand ‚totalitärer Staat‘ die Zusammenarbeit aufzukündigen. Der Konflikt war auf der SED-Führungsebene  angekommen. Zum gütekräftigen Vorgehen gehört bei größeren Missständen klassisch dazu, unter denen, die den Missstand aufrechterhalten, Widerspruch gegen ihn zu wecken und zu verstärken. 
Bei der Rosenkranzrevolution auf den Philippinen 1986 wurde methodisch reflektiert genau darauf systematisch hingearbeitet. Bei der Friedlichen Revolution in der DDR geschah die Verunsicherung der herrschenden Kreise, ohne dass die Unzufriedenen gezielt darauf hinarbeiteten. In Leipzig wirkte die Strahlkraft der Friedensgebete, der am 9. Oktober auch die tausend Funktionäre in St. Nikolai ausgesetzt waren. Sie rief nicht nur die Überzeugung von der Richtigkeit des Dialogs, sondern auch die innere Bereitschaft dazu hervor und mit ihr den tragenden Grund für den Verzicht auf Gewalt gegen Andersdenkende. Der Verzicht auf Gewalt bedeutete als Zeichen der Bereitschaft zum Dialog für die SED, als Partei den Anspruch auf alleinigen Wahrheitsbesitz aufzugeben. Damit entfiel die Rechtfertigung für den – notfalls mit Waffen durchzusetzenden –  Totalitätsanspruch. Dieser wurde nun, weil er dem Dialog im Wege stand, für alle als Missstand erkennbar. Das war die revolutionäre Botschaft, die von Leipzig ausgehend das empfangsbereite Land elektrisierte und unabweisbar auch sämtliche Führungsebenen erreichte. Nahezu im ganzen Land wurde sie an den folgenden Montagen von Hunderttausenden verstärkt. Was bedeutete dies für diejenigen, die vor allem aus jenem Wahrheitsanspruch ihr Selbstverständnis und ihren Auftrag als Regierende herleiteten? Die Botschaft von der Notwendigkeit des Dialogs war so stark, dass es für sie nur noch eine Frage der Zeit war, abzutreten.
Christian Führer leitete aus den Erfahrungen mit Nichtchrist*innen bei diesen Vorgängen die Forderung einer „Ökumene mit Atheisten“ ab. 
Unter Gütekraft-Aspekten betrachtet steckt darin die Frage, warum Nichtchrist*innen bis hin zu hohen sozialistischen Funktionären schließlich mitmachten. Führer sieht darin das Wirken Gottes, teils ohne dass sie ahnen, Gottes Werkzeuge zu sein (wie Kyros [Jes. 45,1] und Gorbatschow), teils indem sie von der biblischen Botschaft berührt wurden. Es ist das Wirken „einer einzigartigen Kraft, die die friedliche Revolution gelingen ließ“ (Führer). Diese Sicht ist gut vereinbar mit der allgemeineren Antwort, die der Vergleich mit anderen Vorgängen weltweit nahelegt: 
Die Fähigkeit zu gütekräftigem Handeln ist dem Menschen angeboren wie die Sprache: So wie wir sprechen lernen können, sind auch alle Menschen in der Lage, Gutes zu tun. Dies beruht auf der naturgegebenen Verbundenheit aller Menschen miteinander (biblisch: der Mensch ist Gottes Ebenbild, vgl. das Verhalten des ‚ungläubigen‘ barmherzigen Samariters). Diese Verbundenheit bringt die Neigung mit sich, allen mit Wohlwollen und Gerechtigkeit sowie mit Einfühlung und der Bereitschaft zu gemeinsamem Handeln zu begegnen (Gütekraft-Potenz). Darum entsteht in Menschen, die wahrnehmen, dass jemand dabei tätig ist, Unterdrückung, Unrecht oder Unmenschlichkeit abzubauen, ein inneres Mitschwingen und ein Impuls mitzumachen. Ob sie es tun, hängt von weiteren Faktoren ab. Wir spüren jedoch alle zumindest unbewusst, dass der Einsatz für Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Freiheit zu unserem Menschsein gehört, und sind deshalb grundsätzlich bereit, uns zum Gutestun anstecken zu lassen. Darum ist möglich, was Paulus (Röm. 12,21) empfiehlt: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde Böses mit Gutem“. Und darum beschreibt der Koran (Sure 41, [33. 34] 35) eine Wirklichkeit: „Gutes und Böses ist nicht einerlei; darum wende das Böse durch Gutes ab, dann wird selbst dein Feind dir zum echten Freund werden.“ Es muss nicht immer ein persönlicher Freund werden, es kann auch ein Mitstreiter gegen Unterdrückung werden, der vorher das System unterstützte. Wenn viele sich anstecken lassen, können so auch Strukturen geändert werden. Dies geschieht – geplant oder ungeplant – dadurch, dass immer mehr von denjenigen Personen, die eine ungerechte Struktur aufrechterhalten, zur Nichtzusammenarbeit übergehen – bis die Struktur kippt. Wichtig ist, frühzeitig die besseren Möglichkeiten zu entwerfen und im Ansatz bereits zu verwirklichen.


Quellen:
- Führer, Christian (2009): Und wir sind dabei gewesen. Die Revolution, die aus der Kirche kam. Berlin: Ullstein.
- Führer, Christian (2014): Frech - fromm - frei. Worte, die Geschichte schrieben.
Leipzig: Evang. Verl.-Anst.
- Mündliche Berichte von Augenzeugen in Leipzig.
- Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung e.V. – Vorstand (Hg.) (2008): Bericht über das Kolloquium 2008…: Wissenschaftlicher Kongress „Frieden mit dem Unfrieden? Wissensbestände im Wandel“, 29.2.2008 bis 2.3.2008, Leipzig. Online: http://www.afk-web.de/fileadmin/afk-web.de/data/zentral/dokumente/tagungsberichte/AFK-Tagung-2008_Koll_Frieden-mit-dem-Unfrieden.pdf , S. 19-24 [Zugriff 21.09.2014].
- Wikipedia-Artikel zu: Ökumenische Versammlung, Friedliche Revolution, Montagsdemonstrationen [Zugriff 21.09.2014].
- Bürger, Eberhard (2013): Kirche des Friedens werden – Aufbrüche im Bereich der ehemaligen DDR. Eine persönliche Studie zum 25. Jahr der friedlichen Revolution im Jahr 2014. Hg. Deutscher Zweig des International Fellowship of Reconciliation – Versöhnungsbund e.V. ISBN 978-3-00-042460-1

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