Donnerstag

Gütekraft-Erfahrungen von Achim Schmitz - Entfaltung wohlwollender Offenheit und Empathie

1. "Im Sommer 1998 radelte ich durch eine Fußgängerzone in der Innenstadt von Oldenburg und
war durch den Abschied von jemandem, den ich gern mochte, noch bedrückt. Ein Mann riet mir
abzusteigen, da Radfahren dort verboten sei und mir sonst eine Geldbuße drohen könnte.
Zunächst war ich etwas verärgert, da ich seinen Ratschlag als Bevormundung interpretierte. In
mir war also nach der Sprache von Marshall B. Rosenberg („Gewaltfreie Kommunikation“) der
Wolf aktiv, der dem Gegenüber eher Negatives unterstellte. Ich antwortete: „Danke für den
Hinweis.“ Das meinte ich gemäss der „Wolfssprache“ ironisch. Während ich es sagte, änderte
sich jedoch meine Gefühlslage und damit auch meine Interpretation der Situation. Ich war dem
Mann dankbar für seinen Hinweis und unterstellte ihm mit wohlwollender Offenheit, dass er mir
tatsächlich ein evtl. wirklich drohendes Bußgeld ersparen wollte. Nach Rosenberg sprach aus
mir nun die Giraffe. Ich stieg vom Fahrrad und fühlte mich erleichtert über diese nun positive
Deutung der Situation."

2. "Eine andere vergleichbare Situation: 2004/2005 bediente ich als Verkäufer in einem Bioladen
eine Kundin mit einem englischsprachigen Akzent. Sie war jedoch mit meinen Hinweisen bzw.
unseren Produkten nicht zufrieden und meinte, ich würde „dummes Geschwätz“ von mir geben.
In den nächsten Wochen danach wurde sie nicht freundlicher, auch mit meinen KollegInnen
redete sie nicht freundlicher. Eines Tages kam mir der Gedanke, dass sie sich vielleicht unwohl
fühlte, in Deutschland immer auf Deutsch angeredet zu werden, während wir uns mit anderen
ausländischen KundInnen z.T. in ihrer Landessprache unterhielten. Also sprach ich sie auf
Englisch an. Zunächst reagierte sie wohl etwas irritiert und sagte, sie könnte gut Deutsch
sprechen. Dann ging sie aber auf mein Angebot ein und erklärte mir, dass sie ungern in
Deutschland lebte und sagte dazu „Sorry“. Ich antwortete: „Kein Problem.“ oder „Never mind.“
Zum Abschied wünschten wir uns gegenseitig ein schönes Wochenende. Sie war also
freundlicher zu mir als vorher. Auch hier gab es in mir einen Wechsel von der „Wolfssprache“
zur „Giraffensprache“ mit Empathie für ihre Situation."

3. "Im Sommer 2005 saß ich mit einer Gruppe von Radfahrern im Zug und ließ durchblicken,
dass ich schlecht gelaunt war, was aber nichts mit der Gruppe zu tun hatte. Zwei Radfahrer aus
der Gruppe waren dennoch freundlich zu mir. Ich nahm es zunächst nicht ernst und dachte, sie
wollten mich ein wenig auf den Arm nehmen. Dennoch antwortete ich nach außen hin
freundlich, meinte es innerlich eher ironisch - ich wahrte also zunächst eher den Schein. Dann
waren die beiden anderen jedoch weiterhin freundlich zu mir, und bei mir schmolz das Eis nach
und nach. Dann war meine freundliche Reaktion auch innerlich ernst gemeint. Also auch hier
der innere Prozess vom Wolf zur Giraffe."

Das sind alles keine spektakulär heroischen Erfahrungen, aber für mich Ansätze Gewaltfreier
Kommunikation.

(Achim Schmitz)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen