Freitag

Bergarbeiterfrauen in Bolivien: “Befreiung aller Gefangenen!”

Nach sieben Jahren Militärdiktatur versprach am 22. Dezember 1977 Boliviens Präsident General Banzer anlässlich bevorstehender Wahlen eine Generalamnestie für politische Gefangene. Von dieser aber wurden 348 ausgeschlossen.
Aus der Zinnminenstadt Llallagua kamen am 28. Dezember vier Bergarbeiterfrauen, deren Männer von der Amnestie ausgeschlossen waren, mit ihren insgesamt 14 Kindern in die Hauptstadt La Paz, entschlossen, für die Freiheit der Gefangenen in einen unbefristeten Hungerstreik zu treten. Ihre vier Forderungen: Generalamnestie ohne Einschränkung; Wiederaufnahme aller entlassenen, gefangenen oder exilierten Bergarbeiter in ihre früheren Arbeitsstellen; Rückkehr aller Exilierten (ca. 17000 Personen) und Aufhebung der Besetzung der Bergbauzonen durch die Armee.

Nach Abweisung von der “Permanenten Versammlung für die Menschenrechte”, die eine derartige Aktion für unwirksam hielt, wurden sie im Haus des Erzbischofs Mons. Manrique aufgenommen. Drei Tage später schließen sich zwei weitere Gruppen von elf Personen dem Fasten an, das sie in einer Kirche und am Sitz der unabhängigen katholischen Zeitung “Presencia” durchführen. Solidaritätserklärungen kommen am selben Tag von der Gewerkschaftsföderation der Bergleute, der Frauen-Union Boliviens, dem Interfakultären Komitee der UMSA, der katholischen Kirche und der Permanenten Versammlung für die Menschenrechte. Diese lösen eine Welle der Zustimmung über das ganze Land aus.
Beauftragte der Ministerien suchen die Frauen auf und versprechen, “ihre Fälle” zu revidieren. Die Frauen bestehen dagegen auf der Erfüllung aller Forderungen, da es ihnen nicht nur um die eigenen Familien gehe.

In vielen Städten entstehen Unterstützungskampagnen, am 10. Tag fasten allein in La Paz 300 Personen mit, die meisten im Lande fasten in Kirchen. Universitäten, Betriebe und Minen streiken für kürzere oder längere Zeit, um ihre Solidarität auszudrücken. Expräsident Salinas, der mitfastet, leitet ein neu gebildetes Verhandlungskomitee. Die Regierung weist jedes Verhandlungsangebot zurück, bezichtigt die Streikenden der Subversivität und organisiert Gegendemonstrationen. Wegen der anhaltenden Solidaritätskundgebungen versucht General Banzer über den Erzbischof einen Kompromiss durchzusetzen, der aber von den Fastenden zurückgewiesen wird. Um die Koordinierung des Widerstandes zu behindern, organisiert daraufhin die Regierung über von ihr beauftragte Gewerkschaftskoordinatoren einen Streik, der den Verkehr lahm legt.
Schließlich kommt es doch zu Verhandlungen. Die Regierung bricht diese am Abend des 20. Fastentages ab.

In den frühen Morgenstunden des 21. Tages (17. Januar 1978) besetzt die Polizei viele Orte, an denen sich Fastende aufhalten, außer dem Haus des Erzbischofs, und führt sie z.T. in Krankenhäuser, z.T. in Polizeistationen ab. Das ruft Empörung hervor, immer mehr Menschen solidarisieren sich: 1200 Personen fasten. Der Erzbischof protestiert gegen die Übergriffe gegen die Kirche, exkommuniziert die dafür Verantwortlichen und kündigt gemeinsam mit anderen Bischöfen des Landes eine dreitägige Schließung aller Kirchen an, auch ein Sonntag ist davon betroffen. Gegen Abend ist die Regierung zur Fortsetzung der Verhandlungen bereit, um 23 Uhr wird ein Abkommen erzielt, das alle Forderungen der Fastenden erfüllt, um 23.30 Uhr wird das Fasten beendet, die große Mehrheit der Gefangenen und Verhafteten wird sofort entlassen und die erkämpften Rechte Schritt für Schritt verwirklicht.

(Nach: Hildegard Goss-Mayr [Hrsg.]: Geschenk der Armen an die Reichen. Zeugnisse aus dem gewaltfreien Kampf der erneuerten Kirche in Lateinamerika. Wien, 2. Auflage 1980, S. 123 - 126)

„Was habe ich dir getan?“ - Der Mann mir der Pistole

Er fuchtelte mit der Pistole „Was willst du von mir?“
Am 6. Mai 2001 traf ich im Zug zwischen Hamburg und Essen einen jungen Mann, etwa Mitte 20, einen Russen. Wir kamen ins Gespräch. Ich erzählte ihm von der Gütekraft, auch einige Beispiele gütekräftigen Verhaltens. Daraufhin erzählte er mir das folgende Erlebnis. Er schrieb es auf meine Bitte hin auf Russisch auf und wir übersetzten es gemeinsam. Er nannte mir seinen Namen, will diesen aber nicht erwähnt wissen.

„Ich war mit einem Freund in einer Kneipe. Es war mein erster Barbesuch in Deutschland. Wir hatten nicht vor, lange zu bleiben. Wir hatten nichts zu tun.
Wir gingen in die Bar. Sahen einige Leute, die da saßen und tranken. Manche von ihnen unterhielten sich mit dem Barkeeper, der auch aktiv mittrank. Ich weiß nicht, wie viel der Barkeeper getrunken hatte, bevor wir kamen, aber mit uns zusammen trank er sehr viel.
Zugleich machte dieser Mann eine Show hinter der Bar. Er zerbrach Gläser und ging barfuß über die Scherben. Natürlich verletzte er sich. Als wir schon fast Freunde waren, zog er eine Pistole und richtete sie gegen mich, vor meine Stirn. Ehrlich gesagt, dachte ich in diesem Moment nicht, dass die Pistole echt wäre. Für mich war einfach spannend, was er von mir wollte.
Nun begann dieser Barkeeper, mir von seinem Leben zu klagen und er beschuldigte mich, dass „meine Organisation“ ihn verfolge. Er erzählte so sicher, wie er für nichts und wieder nichts in Polen verwundet worden war. Und sagte, dass er mit dem Zweiten Weltkrieg nichts zu tun hätte, dass er sich nicht schuldig fühlen könne für das, was seine Eltern getan haben. Jede dieser Tiraden beendete er mit zwei Fragen: „Was habe ich dir getan?“ und „Was willst du von mir?“ Und dabei fuchtelte er mit der Pistole herum. Auf beide Fragen antwortete ich natürlich: „Nichts.“
Schließlich blieb mir nichts anderes übrig als ihn völlig betrunken zu machen, bis er in der Verfassung war: „Du bist mein bester Freund!“ Er gab mir die Pistole. Sie war echt. Ich brachte sie in Sicherheit. Später kam die Polizei, weil sich Menschen beschwert hatten, dass es zu laut wäre. Dann verließ ich mit meinem Freund schleunigst das Lokal.“

Martin Arnold

„Gütekraft und Glauben“ - Bericht über ein Gruppengespräch

„Gütekraft und Glauben“
Bericht über ein Gruppengespräch von Quäkern nach Gütekraft-Referat von Martin Arnold
Langenburg, im Mai 2000

Zunächst gingen wir auf das Impulsreferat von Martin Arnold ein, in dem jeder aussprach, was ihm persönlich aus diesem Referat bemerkenswert war. Hier einige Gedanken aus dieser Gesprächsrunde:
- Die Menschheit steckt große Anstrengungen in Konflikte und deren meist mit Gewalt verbundenen Lösungen. Wir sollten lieber unsere Kraft darauf verwenden zu erforschen, wie wir durch gewaltfreie Aktionen solchen Konflikten begegnen können, ja sie erst gar nicht entstehen.
- Zwischen den Konfliktpartnern kann eine Beziehung hergestellt werden, mit Martin Bubers Worten ausgedrückt ein „Zwischenmensch“ entstehen.
- Vorraussetzung für eine gütekräftige Konfliktlösung ist eine Haltung, die positive Energie beinhaltet, die uns fähig macht, mitzutragen, mitzuleiden, Risiko auf sich zu nehmen. Das daraus resultierende Verhalten hat eine verändernde Kraft auch ohne Garantie auf Erfolg
- Diese grundlegende Haltung ist nicht ohne Gewissen oder Glauben möglich; ein Glaube, zu wissen, nicht allein zu sein, daß etwas da, in uns ist, das wahr und richtig ist, alles weiß und uns spüren läßt, ob man richtig handelt.
- Diese Haltung bewahrt vor lähmender Angst, macht uns fähig mit Kreativität und Phantasie weitere Möglichkeiten zu finden für einen überraschenden Ausweg aus der Konfliktsituation. Das Wissen „es gibt immer noch eine andere Möglichkeit“ hilft!
- Gütekräftiges Handeln ist keine Ausnahme, sondern eine permanente Möglichkeit im Alltag dem Anderen zu begegnen.
- Letztendlich bleibt aber der Erfolg den Anderen mit meiner Gütekraft zu erreichen ein Geschenk – „der Geist weht wo er will“.

Schon in diesem ersten Gesprächsabschnitt wurde uns deutlich, wie vielschichtig wir den für uns zum größten Teil neuen Begriff „Gütekraft“ betrachteten.
Im Weiteren versuchten alle Teilnehmer bei sich nachzuspüren, ob es Erlebnisse gab, in denen „Gütekraft“ zugegen war:
- Eine Freundin berichtete:“ Wenn ich aus dem Meeting kam, waren alle so nett zu mir. Ich erkannte, es waren nicht die Anderen, sondern ich hatte aus dem Meeting etwas mitnehmen können, das den Anderen in einer besonderen Weise ansprach, ohne daß ich mich besonders anstrengen mußte. Es ist eine „himmlische Gütekraft“ oder auch „göttliche Kraft“ die unzerstörbar ist, im Gegensatz zur berechnenden „äußeren Kraft“ (=unsere Zivilisation)“
Auch wenn unserer Meinung nach gütekräftiges Handeln zugegen war, bleibt eine für uns positive Konfliktlösung ein Geschenk und an den folgenden Beispielen mit „Nicht-Erfolg“ haben wir viele Aspekte der Gütekraft herausarbeiten können.
- Eine wirklich ehrlich gemeinte Bitte um Verzeihung wurde nicht angenommen sondern niederschmetternd, ja verletzend abgewehrt.
- Einer anderen Freundin blieb der Zugang zur Konfliktpartnerin, trotz mehrerer Bemühungen, zunächst gänzlich verwehrt.
Dazu kamen uns folgende Gedanken:
- Jemandem verzeihen können heißt nicht, daß der Andere die Verzeihung auch annehmen kann.
- Wir müssen Geduld haben, „den Geist wehen lassen“, der Erfolg ist ein Geschenk und nicht programmierbar
- Wir können versuchen uns zurückzunehmen, uns auf eine „andere Stufe zu stellen“, das heißt versuchen eine andere Möglichkeit zu finden, bzw. dem Anderen auf einer anderen Ebene begegnen.
- Wir müssen lernen den Anderen in seiner Wahrheit erst einmal anzunehmen
- Güte kraft läßt sich mit reiner, unberechnender Liebe beschreiben, die spontan und gewaltlos ist und durch mich wirken kann
In unserem Gespräch wurde auch klar, daß es gerade kleine, oft im Verborgenen bleibende, Handlungen sind, die von Gütekraft Beispiel geben:
- ein verschenkter Fahrschein, der zu einem unerwarteten Augenleuchten bei der beschenkten Obdachlosen führte
- eine positive, offene Einstellung und ein freundliches Begegnen meines Gegenübers von dem ich weiß, daß er wütend auf mich ist, nimmt ihm den Wind aus den Segeln und gibt ihm die Möglichkeit mir ohne Abwehr zu begegnen.
- Kinder sind direkt und klar und handeln noch spontan gütekräftig

Das eigentliche Thema der Gesprächsrunde streiften wir immer wieder und gingen dann konkret darauf ein mit den Fragen einer Freundin: “Wie kann ich einen Gott ertragen, der einen Holocaust zuläßt?, der soviel Gewalt zuläßt?- wird „Glauben“ dadurch nicht fragwürdig?“
Zusammenfassend lassen sich unsere Überlegungen wie folgt darstellen: Wir haben die Freiheit der Entscheidung bekommen und müssen mit allen Konsequenzen leben, dürfen Gott aber nicht dafür verantwortlich machen. „Das von Gott“ ist im Opfer und im Täter, aber nicht automatisch in jedem lebendig.
Wenn wir die Kraft in uns wirken lassen, kann „Gutes heraufkommen“ und wird „Schlechtes heruntergedrückt“. Diese Kraft ist immer wieder neu erfahrbar, läßt uns Eins-Sein mit der Quelle und gibt uns ein Vertrauen des Getragenseins; das bedarf keiner bestimmten Religion.
Aus diesem Vertrauen, aus dieser Liebe, die ich erfahren habe, kann ich gütekräftiges Handeln entwickeln und ich empfinde bei der Rückbesinnung auf diese Geborgenheit ein großes Maß an Dankbarkeit. Auch wenn ich mich der Quelle nur annähern kann, sie nicht beim Namen nennen kann, gibt mir dieses Bewußtsein seine große Kraft. Kraft für reine und spontane Liebe zu meinem Nächsten, wie auch zu mir. Diese Liebe ist ohne Besitzansprüche und ohne Kopfbeteiligung sondern ganz aus der Quelle genähft. Tägliche Besinnung, Andacht und Meditation kann wie eine „Ladestation unserer Batterie“ sein, die Liebe und Gütekraft spendet.

Charlotte Haake (Quäkergruppe Stuttgart)

Der Mann im Wald: “Ihr sollt wissen...”

Ein junger Mann, der sich wegen seiner Kriegsdienstverweigerung Rat bei mir (M.A.) holte, erzählte von seinem Vater: Er ging in der Dämmerung im Wald, plötzlich verstellten ihm drei junge Männer den Weg: “Geld her!!” Er blieb stehen und warf ihnen sein Portemonnaie hin. Sie hoben es auf und öffneten es. Es war nicht viel Geld darin. Sie standen da, plötzlich zieht einer von ihnen ein Messer, sagt zu den anderen: “Wenn der uns verpfeift - ” und geht mit der Waffe auf den Mann los. Dieser bleibt stehen, ergreift sein Hemd vor der Brust und zieht es hoch. Er hält ihnen die nackte Brust entgegen und sagt: “Ihr könnt mich umbringen. Aber Ihr sollt wissen: Ich habe eine Frau und drei Kinder. Die sind auch davon betroffen.” Der andere lässt das Messer sinken, sie werfen ihm die Geldbörse noch hin und verschwinden.

Norwegen 1942: ”Ihr Lehrer habt mir alles verdorben!”

Vom Widerstand norwegischer Lehrer gegen die Naziherrschaft 1940 - 1943

Norwegen wurde im April 1940 von den Deutschen besetzt. Die Deutschen ernannten den pro-deutschen Norweger Vidkun Quisling zum neuen Regierungschef. Als die Deutschen die Gesetze nach NS-Grundsätzen umformen wollten, traten sämtliche Mitglieder des Obersten Gerichtshofes zurück. Eine Untergrundzeitung wurde in den fünf Jahren der deutschen Besatzung aufrechterhalten.
Im Februar 1942 machte Quisling den Versuch, einen korporativen Staat nach dem Muster Mussolinis zu gründen. Er begann bei der Lehrerschaft. Nach Aufhebung der ehemaligen Lehrerorganisation wurde eine neue mit dem Chef der Quislingschen Geheimpolizei an der Spitze gegründet.

Eine geheime Lehrerorganisation schlug den Lehrern vor, sich in vier Punkten zu widersetzen.
Am 20. Februar 1942 sandten etwa 9000 der 12000 norwegischen Lehrer eine handschriftliche Erklärung an das Unterrichtsministerium mit folgendem Wortlaut: "Ich erkläre, dass ich die Jugend Norwegens nicht nach den Richtlinien der Nasjonal Samling unterrichten kann, da ich dies mit meinem Gewissen nicht vereinbaren kann. Die Mitgliedschaft in dieser Organisation würde mich zwingen, auch andere Handlungen zu begehen, die im Widerspruch zu den Pflichten meines Berufes stehen. Ich sehe mich daher gezwungen zu erklären, dass es mir nicht möglich ist, mich als Mitglied der neuen Lehrerorganisation zu betrachten."

Am 25. Februar gab die Regierung Quisling bekannt, dass die Proteste der Lehrer als offizielle Amtsniederlegung angesehen und dass die Lehrer, wenn sie darauf beharrten, entlassen würden; das Unterrichtsministerium schloss unter dem Vorwand der Kohlenknappheit alle Schulen. Aus allen Teilen des Landes wurde daraufhin Heizmaterial angeboten, um den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten. Die offiziellen Zeitungen erwähnten nichts von dem Widerstand der Lehrer, aber die "Kohlenferien" verbreiteten die Nachricht überall. Das Unterrichtsministerium setzte eine Frist bis zum 15. März: Lehrern, die sich danach den Anordnungen der Regierung widersetzen würden, wurde mit dem Verlust ihrer Anstellung, ihres Gehaltes und ihrer Pension gedroht. Zehntausende, nahezu zehn Prozent aller Eltern Norwegens, protestieren dagegen schriftlich bei der Regierung.

Die Lehrer blieben hart. Nicht einer gab nach. Ab dem 20. März wurden Hunderte von Lehrern willkürlich herausgegriffen und verhaftet. Bei den Ostergottesdiensten verurteilten die Geistlichen diese Verhaftungen.
Die Lehrer wurden in ein Konzentrationslager nach Grini gebracht. Von einer nicht bekannt gegebenen Quelle - nicht von der Regierung - erhielten deren Familien den Gegenwert ihrer Gehälter für die ganze Dauer ihrer Internierung. Im Lager erließ die Regierung ein Ultimatum an die gefangenen Lehrer, aber nur drei lenkten ein. Die 687 Lehrer wurden in Viehwagen in ein anderes Konzentrationslager, etwa 200 Kilometer von Oslo entfernt, gebracht. Auf den Bahnhöfen versammelten sich die Kinder und sangen für sie bei der Durchfahrt des Zuges Lieder.
Im neuen Lager wurden sie zu noch härterer Arbeit unter extremen Bedingungen und Schikanen und minimalster Ernährung gezwungen. Nach zwei Tagen wurden 76 der älteren Lehrer zwischen 55 und 59 Jahren von den Lagerbeamten befragt, aber keiner gab nach.

An den meisten Orten Norwegens ließ die Regierung die Schulen am 8. April wieder öffnen. Die nicht inhaftierten Lehrer, die sich an diesem Tag zum Dienst meldeten, erklärten öffentlich, dass sie der neuen Lehrerorganisation von Quisling nicht angehörten und sprachen auch mit ihren Schülern über ihr Gewissen, vom Geiste der Wahrheit und von der Verantwortung, die sie trügen. Ein starkes Solidaritätsgefühl verband die gesamte Lehrerschaft.
Nach Tagen weiterer Einschüchterungsmaßnahmen im Lager fragte die Lagerleitung jeden einzelnen der Lehrer, ob er einen Widerruf des Protestschreibens unterschreiben würde. Von 637 Lehrern widerriefen 32. So wurden Demütigungen, Foltergymnastik und die Hungerrationen fortgesetzt. Auch verbreiteten die Behörden drohende Gerüchte, was mit den Lehrern bei weiterer Weigerung geschehen werde. Dennoch gaben die Frauen der Lehrer zu verstehen, dass sie ein Nachgeben ihrer Ehemänner nicht wünschten.

Erneut wurden die Lehrer weiter verfrachtet und in Kirkenes der Wehrmacht übergeben Diese zwang sie zu pausenloser Schwerstarbeit im Hafen. Ein Lehrer starb durch die Strapazen.
Die Deportation der Lehrer nach Kirkenes verhärtete die Stimmung und den Widerstandswillen der übrigen Bevölkerung Norwegens. Als Quisling am 22. März mit einer Gruppe von Lehrern in einer kleinen Stadt sprach, erging er sich in Drohungen, Ausfällen und Wutausbrüchen. Er schloss mit den Worten: "Ihr Lehrer habt mir alles verdorben!", und ließ sie verhaften. Am folgenden Tag begaben sich einige Lehrer, die bei der Unterredung nicht zugegen gewesen waren, zum Amtsgebäude und baten darum, mit den anderen gefangen gesetzt zu werden.
Ende August wurden 50 erkrankte Lehrer nach Hause gesandt. Am 16. September kehrte eine zweite Gruppe von rund 100 Männern aus dem Lager zurück. Am 4. November folgten die übrigen etwa 400 Lehrer nach acht Monaten härtester Zwangsarbeit. Man gestattete ihnen, ihre Lehrtätigkeit auszuüben, ohne dass sie ihre Grundsätze widerrufen mussten.
Über die Formen, die der Widerstand annahm, schrieb später einer der Führer, Diderich Lund, dass der wirtschaftliche Widerstand Norwegens völlig zusammenbrach. Sabotage war nur in geringem Masse wirksam, und die Geheimtätigkeit war ebenfalls nicht so wirksam wie die stolze, gerade Offenheit und das Verbleiben bei der Wahrheit. Diejenigen, die in diesem Sinne Widerstand leisteten, wurden - so Lund - ,’von einem eigenartigen Glücksgefühl erfüllt, selbst unter harten und schweren Bedingungen [...] (aus) unerschütterliche(r) Überzeugung des Kämpfens für eine gute Sache ...’

Die Reichskriegsflagge im Fenster gegenüber

Damals, im Jahr 1992, wohnte ich in Köln-Kalk in einer Straße, in der auch viele türkische Einwanderer wohnen, direkt neben einem türkischen Lebensmittelgeschäft. Es war das Jahr der rassistischen Krawalle in Rostock und anderswo. Mein Küchenfenster ging zur Straße hinaus und eines Tages sah ich: In einer Wohnung gegenüber hing direkt am Fenster eine große Reichskriegsflagge. Als engagierter Antifaschist dachte ich spontan zuerst an Steine, Bomben usw., verwarf das zwar gleich, aber mir war klar, dass ich diese Fahne nicht einfach hinnehmen konnte.

Nach ein paar Tagen nahm ich allen Mut zusammen sowie ein Exemplar des Bildbüchleins "Krieg dem Kriege" von Ernst Friedrich zur Hand (Bilder aus dem I. Weltkrieg, um 1925 erschienen, Reprint von Zweitausendeins), ging über die Straße, erwischte auch gleich die richtige Klingel und wurde von einem ca. 18-jährigen Jugendlichen an der Wohnungstür empfangen. Ich sagte ihm, ich sei ein Nachbar und wolle wegen der Reichskriegsflagge mit ihm sprechen. Er sagte, die Wohnung gehöre seinem Freund, der sei gerade auf dem Klo, und bat mich hinein. Besagter, ca. 20, erschien, und war zunächst äußerst reserviert, aber nicht unfreundlich. Wir setzten uns direkt unter die Flagge und kamen ins Gespräch. Die beiden stammten aus Ostdeutschland, arbeiteten bei Ford und regten sich über herumlungernde türkische Jugendliche auf. Ich verwies auf meine türkischen Nachbarn in dem Geschäft; sagte, die sähe ich immer nur fleißig arbeiten. Ja, hm, aber die anderen, vor der Spielhalle... Die Deutschen seien doch so fleißig, und darauf sollten sie stolz sein. Ich sagte: Ich bin mir nicht so sicher, ob das die richtige Art zu leben ist. Die südländische Mentalität, das Abwarten, Genießen des Augenblicks, vielleicht auch eine gewisse Faulheit - das alles hat doch auch einiges für sich. Die beiden waren überrascht und wurden tatsächlich ein bisschen nachdenklich.

Ich kam auf die Flagge zu sprechen, erklärte ihnen, wie gut ich sie von meinem Fenster aus sehen könne und sprach darüber, welche furchtbaren Verbrechen im Zeichen dieser Flagge begangen worden seien. Ich sparte bewusst die Nazizeit aus und sprach über den I. Weltkrieg, gab dem Jüngling das Buch dazu in die Hand, er könne es sich ja mal durchblättern. Es zeigt die Gesichter von Kriegsversehrten, Menschen mit riesigen Löchern im Gesicht, grauenhaft! Die beiden bestanden darauf, dass man als Deutscher doch stolz sein könne auf das, was Deutsche geleistet hätten. Ich stimmte zu und sagte: Ja, auch ich bin stolz darauf, dass Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg schon 1914 erkannt hatten, worauf der Krieg hinauslief, und die ganze Zeit über dagegen gekämpft und sogar ihr Leben dafür geopfert hatten...  Dass ich als "Wessi" wegen dieser Dinge sogar bei den Kommunisten gewesen war, das konnten sie nun gar nicht verstehen, klar. Gut, wir gingen auseinander, sie werden sich wohl noch genügend über den Spinner von gegenüber gewundert haben, aber drei Wochen später war die Flagge weg.

aufgeschrieben im April 2001

Toni Kalverbenden, Köln

Freitag Abend im Jugendzentrum

Pfarrer Reinhard Kolb

Im Frühjahr 1972 erlebte ich das Folgende:

An einem Freitag Abend war im Gemeindezentrum im Jugendkeller Disco für die Älteren ab 20 Uhr. Zu den Gästen gehörten einige recht problematische Jugendliche. Ich erinnere mich an die Verabschiedung eines von ihnen, der eine Haftzeit in der Jugendstrafanstalt Siegburg antreten musste. F. war ein eher labiler junger Mann. Er ist später etwa 35jährig an seinem Alkoholismus zugrunde gegangen.

An jenem Abend kam er angetrunken und begann zu randalieren. Den Leiter der Disco, einen Studenten der Sozialpädagogik, schlug er k.o., kreischend verließen die Mädchen den Disco-Raum. Ich hatte Alkoholverbot gegeben, bei Zuwiderhandlung Hausverbot. Das sprach ich nun F. gegenüber aus, fasste ihn am Arm, um ihn hinauszuführen. Da packte er meine Krawatte, drehte sie und würgte mich. Ich keuchte: „Lass mich los!“ Er: „Erst wenn du mich loslässt!“ Ich ließ seinen Arm los, er meine Krawatte. Doch nun schrie er mich an: „Ich will mich mit dir schlagen! Komm, wehr’ dich!“ Ich erwiderte ihm: „Ich bin Christ. Ich wehre mich nicht. Aber wenn du mich auch zusammenschlagen willst, warte, bis ich meine Brille abgegeben habe, die brauche ich am Sonntag noch.“ Und ich gab meine Brille an einen Danebenstehenden. Da schrie er mich an: „Wenn du dich nicht wehren willst, kann ich mich nicht mit dir schlagen“, und rannte ins Dunkel hinaus, über die befahrene vierspurige B 224, vor dem Gemeindezentrum - und noch einmal hielt ich den Atem an.

aufgeschrieben im Juli 1999


Zum Frieden anstiften - Das Streetworker-Projekt - Ein Sommertag im Freibad

Ernst von der Recke

Leichtfüßig und beschwingt zogen etwa vierzig Jugendliche durchs Schwimmbadgelände zum Volleyballplatz - vorneweg die Jungen, gefolgt von den Mädchen. Ein lebhaftes Sprachgemisch aus gebrochenem deutsch, türkisch und russisch erfüllte die Luft. Zurück blieben ein junger Mann türkischer Abstammung, ein Bosnier und eine deutsche Frau. Nur langsam verzog sich die Menge der Schaulustigen. In einigem Abstand standen die Bademeister mit blassen Gesichtern. Das Handy, das sie seit einer dreiviertel Stunde in der Hand hielten, um im Bedarfsfall sofort die Polizei rufen zu können, ließen sie sinken. Die deutsche Frau hielt einen Stapel alter Zaunlatten mit heraussteckenden Nägeln in der Hand. Etwas ratlos stand sie da und guckte der abziehenden Gruppe nach: "Kann das gut gehen, wenn die behaupten, sie wollten jetzt miteinander Volleyball spielen?!"
Was war passiert, und wer war dieses Gespann von drei jungen Erwachsenen, die offenbar vom Erfolg ihrer Arbeit überrascht und noch etwas ungläubig der abziehenden Gruppe munterer Jugendlicher und Kinder hinterher schauten?

Der Ort des Geschehens war das zentrale Freibad in Wetzlar. Hier gibt es seit dem Sommer 1996 ein sogenanntes Streetworker-Projekt. Etwa 20 Jugendliche und junge Erwachsene unterschiedlicher Abstammung und Herkunft sind seither jedes Frühjahr  vorbereitet worden, während der Sommerferien nachmittags von 14 Uhr bis 18 Uhr  für einen Dienst zur Verfügung zu stehen, verbunden mit einer finanziellen Anerkennung. Sie sind in Dreierteams eingeteilt. Dabei ist Sorge getragen, daß diese Untergruppen möglichst beiderlei Geschlecht enthalten und Sprachkompetenzen in Deutsch, Türkisch und einer slawischen Sprache besitzen.

Das Motto, unter dem dieses Projekt steht, heißt "Grenzen setzen - Räume öffnen". Getragen wird es von einem großen Kreis von Personen aus der freien und öffentlichen Kinder- und Jugendarbeit, einschließlich der Polizei mit ihrer "Arbeitsgruppe Gewalttäter an Schulen", von Personen verschiedener kultureller und religiöser Vereine und Einrichtungen, ferner aus dem Bereich der Resozialisation und nicht zuletzt aus dem Sozialdezernat und dem Koordinierungsbüro für Jugend und Soziales der Stadt Wetzlar. Der Beitrag, zu dem wir als Laurentiuskonvent angefragt wurden, lag in dem Entwurf und der Durchführung eines Trainings für die "Poolworker".

Dem oben angedeuteten Konfliktende ging wohl der heißeste Streit in der vierjährigen Geschichte des Projekts voraus. Ercan, der Freiwillige mit türkischer Abstammung, hatte einen Schlag gehört und beim Hinschauen wahrgenommen, daß ein rußlanddeutscher Jugendlicher einen kurdischen Jugendlichen offenbar ohne jegliche Vorwarnung am Rand des Freibads ins Gesicht geschlagen hatte. Andere waren ebenfalls aufmerksam geworden und durch den offenen Disput formierten sich in Windeseile zwei Gruppen, eine türkisch und eine russisch sprechende. Die Emotionen auf der Seite des Geschlagenen kochten hoch - "seit drei Jahren habe ich mich nicht mehr geprügelt, jetzt ist es mal wieder soweit!..." Einige gingen an einen nicht weit entfernten Lattenzaun und rissen einige Latten heraus, mit denen sie sich bewaffneten. Ercan hatte die türkisch geführte Diskussion mitverfolgt und schritt ein - deutsch sprechend. Er wurde sofort als unerwünschter Eindringling identifiziert:  "Was will der denn?" fragte ein Junge auf türkisch. Ercan überraschte ihn und die anderen, indem er auf türkisch antwortete und erklärte, wer und in welcher Funktion er hier sei und daß er nicht dulden würde, daß sie hier auf dem Schwimmbadgelände eine Schlägerei vom  Zaun brachen. Sichtbar in ihrem Schwung gebremst, einigte sich die Gruppe, vor den Eingang vom Schwimmbadgelände zu gehen. Irgendwann wurde das Schwimmbad ja schließen, dann wurden sie sich "die Russen" greifen.

Um den, der geschlagen hatte, hatte sich ebenfalls sehr schnell eine Gruppe von rußlanddeutschen Jungen und Mädchen gesammelt. Ihre Empörung bestand darin, daß der Kurde eins „ihrer“ Mädchen belästigt hatte. Zu ihnen hatte sich Almir, ein bosnischer Freiwilliger gesellt. Er verstand in etwa, was sie sagten und brachte sich als Streetworker beruhigend ein.

Als letzte kam Ulrike hinzu, eine Deutsche, die auch außerhalb des Projekts schon Erfahrung in Mediation gesammelt hatte. Sie erkundigte sich schnell  bei ihren beiden Kollegen, befand, daß es keine befriedigende Option sei, daß das Problem sich lediglich außerhalb des Schwimmbadzaunes verlagert habe und daß sie eine Vermittlung wagen wollte. Die Gruppe der Rußlanddeutschen war sofort bereit, sich auf eine Konfrontation mit der Gegenseite einzulassen. Sie folgten Ulrike auf ihrem Weg zu der Gruppe im Eingangsbereich. Im Handumdrehen war dieser Bereich dicht, niemand konnte mehr hinein oder hinaus.

Der Versuch, die herauszufinden, die ursprünglich beteiligten waren, erwies sich als äußerst  schwierig. Andere, die nicht unmittelbar am Streit beteiligt waren, hetzten am meisten. Die Absicht, die Auslöser des Streites gesondert zu nehmen, erwies sich als gänzlich unmöglich. Die Angelegenheit war zu einer Ehrensache geworden, in der es jetzt keine Unbeteiligten mehr gab. Almir und Ercan standen zwischen den Gruppen und hielten "ihre" Leute sowohl mit ihrer Körper- wie mit ihrer Seelen- und Gütekraft in Schach. Ulrike stand ebenfalls dazwischen und wendete sich blitzschnell von der einen zu der anderen Seite, immer bemüht, die Betroffenheit und den Hergang zu verstehen und dies als Anfrage an die andere Seite weiterzugeben. Als sich herausgestellte hatte, daß der, der geschlagen hatte, überhaupt kein deutsch verstand und sich jemand als Dolmetscher anbot, gelang es leichter, den Fortgang der Auseinandersetzung zu strukturieren. Die Wahrnehmung des Hergangs war unterschiedlich. Ob der kurdische Jugendliche die Schwester des Rußlanddeutschen geschubst habe oder er sie nur angeredet hatte, blieb unklar. Die Wende kam an dem Punkt, als der Kurde seinen Kontrahenten fragte, warum er denn gleich geschlagen habe. Sie seien hier doch  in Deutschland und nicht in Kasachstan und auch nicht in Anatolien. Hier dürfe man Mädchen anschauen und auch mit ihnen reden. Der Angeredete erklärte, daß er ihn ja nicht ansprechen konnte, da er weder deutsch noch kurdisch spreche. Um die Familienehre zu wahren, sei ihm nur die Möglichkeit des Zuschlagens geblieben.

Damit war die alle verbindende Herausforderung auf dem Tisch: An einem fremden Ort mit anderen Sitten die Beziehung zum anderen Geschlecht aufzubauen und dabei sein ererbtes Ehrgefühl zu wahren! Dies war tatsächlich ein Thema, das alle betraf, nicht nur die beiden primär am Streit beteiligten. Eine Lösung des Streites war nun nicht mehr weit: Der Rußlanddeutsche entschuldigte sich bei dem Kurden, und der Kurde bei dem Mädchen. Beide taten es jetzt aus freien Stücken und im Respekt vor den Bedürfnissen des anderen und seinen Grenzen.

Das, was normalerweise am Anfang einer Mediation geschieht, nämlich daß man sich gegenseitig vorstellt, konnte in diesem Fall erst jetzt geschehen: Ulrike wandte sich an die, die eine Latte in der Hand hielten, stellte sich vor und fragte sie nach ihrem Namen. Dann bat sie, ihr die Latten auszuhändigen. So endete mit der freiwilligen Entwaffnung auch die Anonymität. Der Wunsch, miteinander spielen zu gehen, entsprach dem guten Gefühl, ein existentielles Problem bearbeitet zu haben und darüber miteinander vertraut worden zu sein.

Ercan, der nach seiner Zeit der Arbeitslosigkeit wieder die Schulbank drückt, um das Abitur nachzumachen, ist inzwischen ein begehrter Mitarbeiter in der städtischen Jugendarbeit. Almir, der immer noch nicht in seine Heimat zurückkehren kann, lebt und denkt europäisch. Er hat in Deutschland einen Beitrag zum Zusammenleben unterschiedlicher Ethnien geben können. Das läßt ihn und uns hoffen, daß er ähnliches auch in seiner zerrissenen Heimat einmal wird leisten können. Ulrike sucht ihren Weg als Mediatorin im schulischen Bereich und in der Stadtteilarbeit.

Eine ausführliche Dokumentation über das Streetworker-Projekt ist über Frau Barbara Bayani vom Koordinationsbüro des Bürgermeisters der Stadt Wetzlar (Ernst-Leitz-Str. 30, 35578 Wetzlar, Tel. 06441/99-472) zu beziehen. Eine weitere Kontaktperson und Mitinitiator des Projektes ist Herr Harald Wurges vom Stadtjugendring Wetzlar (Tel. 06441/35922). Beide Personen besitzen die besondere Begabung, Menschen, die am Rand unserer Gesellschaft leben und solche, die in verantwortlicher Position sitzen in einen gemeinsamen Prozeß zu verweben.

Meine persönlichen Voraussetzungen zur Mitwirkung an einem solchen Projekt sind geprägt durch Erfahrungen mit der Arbeit von Friedensdiensten (19971/72 habe ich als Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen an einem ähnlichen Projekt in einem Getto im nordamerikanischen Bundesstaat Mississippi teilgenommen) und durch meine Einbindung in die Lebensgemeinschaft des Laurentiuskonvents. Seit seiner Gründung 1959 haben Mitglieder des Konventes sich immer wieder diakonisch engagiert. Hierzu gehört auch die Entwicklung des Gedankens eines Schalom-Diakonats. Er hat sich in der Gründung des Oekumenischen Dienstes im Konziliaren Prozeß mit der Geschäftsstelle in Wethen (Mittelstr. 4, 34474 Diemelstadt, Tel.: 05694 8033) und seinen unterschiedlichen Trainingsangeboten zu einem zivilen Friedensdienst praktisch verwirklicht.

Theologisch - das ist uns dieses Jahr in der Karwoche bei der Meditation von den drei Leidensankündigungen Jesu und den daran anschließenden Jüngerbelehrungen (Mk 8,9+10) so deutlich geworden - gründet und orientiert sich unsere Praxis an der Treue zum Evangelium und ihrer Umsetzung in einer sozialen und politischen Diakonie. Nachfolge Jesu - das Stichwort in den drei biblischen Texten - führt in Situationen von Not und Gewalt, aber Gottes Geist lenkt auch hindurch zu neuen Freundschaften und tragfähigen Beziehungen.

Ernst von der Recke ist Mitglied der ökumenischen Lebensgemeinschaft Laurentiuskonvent in Laufdorf (Ringstr. 21, 35641 Schöffengrund), verheiratet und Vater von drei Töchtern. Von der Ausbildung her Theologe arbeitet er mit einer halben Stelle bei der Lebenshilfe Wetzlar. Mit seiner Frau engagiert er sich im Bereich Mediation, besonders an Schulen und in der Arbeit des friedenskirchlichen Netzes Church and Peace.


In Mexiko wurde mit Gütekraft ein Mord verhindert

Es war im Jahr 1971, als mein Mann und ich für den Versöhnungsbund in Mexiko tätig waren. Eines Abends saßen wir dort in einer Kneipe. Am Nachbartisch unterhielten sich lautstark zwei Männer. Sie tranken Schnaps. Einer der beiden sprach in dem lebhaften Gespräch eine Beleidigung gegen den anderen aus. Sie gerieten in Streit. Plötzlich sprang der Beleidigte impulsiv auf, zückte ein Messer und ging auf den ersten los.
Wir sahen das alles, aus nächster Nähe. Was konnten wir tun?
Mein Mann handelte schnell. Er stand auf und schlug dem Mann mit seiner Hand von oben so auf das rechte Handgelenk, dass das Messer zu Boden fiel.
Damit zog er den Angriff des Mannes auf sich. Und er stellte sich ihm so gegenüber, dass er ihn anschauen konnte, und legte ihm die Hand auf die Schulter. Und er fragte ihn sofort: Da muss dir dein Kollege etwas ganz Schlimmes angetan haben, dass du so heftig reagiert hast? Worum handelt es sich denn?
Die einfühlsame Frage machte klar, dass der Schlag auf die Hand kein Angriff gegen die Person des Mannes war, dass mein Mann keineswegs die Absicht hatte, ihm in irgendeiner Weise Schaden zuzufügen, sondern die Wut des Angreifers auf sich zu lenken und einen Mord zu verhindern.
Der Mann konnte durch das anschließende Gespräch beruhigt und die Situation entschärft werden.

von Hildegard Goss-Mayr

Wien 1945: Russische Soldaten verhalten sich menschlich.

 Wien war bombardiert worden, der Krieg verloren, die Russen marschierten ein. Und sie hatten das Recht des Siegers, das Recht, sich alles zu nehmen, nicht nur Hab und Gut, auch Frauen. Sie gingen von Haus zu Haus. Auf Geheiß meines Vaters gingen meine Mutter und die anderen Frauen im Haus in den Keller. Er selbst schloss die Haustür nicht ab. Wie bei den anderen Häusern stießen die Soldaten mit den Gewehrkolben gegen die Tür, wohl in der Erwartung, sie auf diese Weise öffnen zu müssen. Mein Vater jedoch erwartete sie und öffnete die Tür. Er hatte kein Russisch gelernt. Die Gewehrläufe, die sich sofort gegen ihn richteten, schob er langsam zur Seite und lud die Männer mit einer Geste ein, einzutreten. Das war für die russische Kampftruppe offenbar eine völlig neue Erfahrung. Sie traten ein, vermuteten jedoch zunächst eine Falle. Mit vorgehaltenem Gewehr gingen sie in alle Zimmer. Mein Vater lud sie ein, sich zu setzen. Das taten sie, als sie merkten, dass sie nicht bedroht wurden. Dann holte er die Frauen aus dem Keller und alle saßen mit den Männern zusammen. Die Soldaten taten niemandem etwas zu Leide. Als sie gingen, blieb einer von ihnen noch an einer Ikone, die bei uns an der Wand hing, stehen. Er sagte: „Ja Chrestianin“ das heißt auf Russisch: Ich bin Christ.

Später kamen noch weitere Soldaten zu uns. Da gab es teilweise sehr schwierige Situationen.
So schützte mein Vater die bedrohten Frauen einerseits, andererseits war er bemüht, die Soldaten aus ihrer Haltung der Feindschaft und Angst herauszuholen. Er war bereit, dafür sein Leben einzusetzen.

Mannheimer Hoffnungsgeschichten

Mannheimer OberstufenschülerInnen schreiben Hoffnungsgeschichten der Überwindung von Gewalt
(Ökumenisches Bildungszentrum sanctclara Mannheim, 28.3.01)


Im Bereich Geschwisterstreit: Nach verbalen Attacken und Androhungen von “Gewalt mit Fäusten” zogen mein Bruder und ich uns kurz ins jeweilige Zimmer zurück, besannen das, was gerade gelaufen war, und entschuldigten uns beim Anderen. Öfter Besinnung und Nachdenken bringt etwas!

Bei mir im Basketballtraining gibt es ein paar ziemlich “coole” Typen, die denken, dass sie die Tollsten sind. Als ich von denen angemacht wurde, kam ein Kumpel von mir (eigentlich ein ziemlich schmächtiger Kerl), hat sich hinter mich gestellt und signalisiert, dass er zu mir steht. Da sind die Typen weitergegangen. Das war ein tolles Gefühl zu wissen, dass man nicht alleine ist und Freunde hat, die helfen.

Eine freundschaftliche Rangelei im Zug zwischen zwei Freunden wird zu einer richtigen Prügelei. Der eine hat schon eine blutige Nase, als mein Freund und ich dazu kommen. Wir schnappen uns jeder einen und fangen ihn an zu kitzeln. Daraufhin müssen sie sich wohl oder übel loslassen und hören auf miteinander zu kämpfen.

Eine Klassenkameradin hat eine andere ständig fertiggemacht wegen Aussehens, Verhalten etc.. Irgendwann bekam die eine dann ein selbst geschriebenes Gedicht der anderen, die sich nicht unterkriegen ließ, zur Ansicht. Und sie hatte plötzlich Ehrfurcht vor ihr und ihrer Fähigkeit des Schreibens.

Ich kam mit meinem Motorrad an eine rote Ampel und fuhr zwischen den Autoschlangen, die sich auf beiden Spuren gebildet hatten, bis an die Haltelinie vor. Ein LKW-Fahrer kurbelte die Fensterscheibe runter und begann rumzuschreien: “Hast du ‘nen Bremsfehler oder bist du einfach nur blöd, du Idiot?” Ich drehte mich um und sagte zu ihm: “Komm schon, Mann, ich werde doch bei dem Wetter nicht hinter 20 Autos im stop&go-Verkehr fahren. Trotzdem sorry.” Er winkte mir gerade nur lässig mit der Hand und lächelte.

Bei uns in der Clique gab es mal ein nettes Mädchen. Sie ist mit dem Jungen zusammengekommen, der am meisten Einfluß auf alle hatte. Leider ist die Beziehung nach 9 Monaten zerbrochen und von den anderen (außer mir) wollte keiner mehr etwas mit ihr zu tun haben. Sie wußte lange nicht, was sie falsch gemacht hatte. Und ich sagte ihr immer, dass es nicht an ihr läge. Wir wurden die besten Freunde. Letzten Samstag feierte die Clique eine Party. Sie wollte sich mit mir treffen. Wir unterhielten uns in angetrunkenem Zustand. Irgendwie standen auf einmal alle neben uns und wir redeten über alles, was noch nicht geklärt worden war (über 2 Stunden lang). In dieser Woche meldeten sich einige wieder bei ihr und haben zugegeben, dass sie sie eigentlich gar nicht so schlimm finden. Jetzt treffen sich viele wieder mit ihr. Das gibt dem Mädchen viel Kraft, die sie in den Monaten davor verloren hatte!

Konfliktsituation vor dem Haus: zwei Kindergartenkinder streiten sich um einen Bobbycar. Da kommt der ältere Bruder eines der Kinder dazu und zeigt den beiden, wie sie den Bobbycar mit Anhänger gemeinsam nutzen können, indem einer Fahrer und einer Fahrgast ist. Das Spiel geht friedlich weiter.

Neulich am Paradeplatz:  eine Klassenkameradin wurde von ihrem Ex-Freund und 6 Skinheads verfolgt. Wir Mädchen blieben bei ihr, auch wenn wir nicht viel ausrichten konnten, und liefen nicht weg. Ich denke, dass wir hier Zivilcourage bewiesen. Verbal konnten wir den Konflikt teilweise lösen. Meiner Meinung nach, muss Gewaltüberwindung bei Bildung ansetzen.

Unser Raucherhof sollte geschlossen werden, wenn er weiterhin so schmutzig ist. Doch es gab Leute, die ihn dann putzten und nicht anfingen zu randalieren!

Ich sah vor kurzem eine Reportage im TV mit dem Thema Zivilcourage. Es wurde dabei festgestellt, dass in Konfliktsituationen öfters Menschen ab 35 wegsehen als die jüngere Generation. Dass also die heranwachsende Gesellschaft lernt oder gelernt hat helfend einzugreifen. Ich denke, das ist ein Punkt, der Hoffnung bringt.

“Sanfte Gewalt” - Eigenes Foto: Großstadt, Autostraße, Randstein zwischen benzin- und ölbeflecktem Asphalt und zugeparktem Gehweg: Aus einer Fuge heraus wächst und blüht ein Löwenzahn!

Ein zierlicher Siebtklässler wird von einem großgewachsenen Klassenkameraden mit leichten Stößen provoziert zurückzuschlagen. “Schlag zurück! Komm, wehr dich...” Der Kleine steht – an die Schulmauer gelehnt – als ob es ihn nichts anginge und schaut den Großen an. Der Zuschauerkreis wird immer größer. Der Kleine läßt sich nicht aus der Ruhe bringen. Der Große hat keine Chance. Die Zuschauer sind mehr und mehr gegen ihn. Sie sagen nichts, aber sie verhindern, dass der Große seine Übermacht ausleben kann. So geht die Pause zu Ende. Der klare Sieger ist der Kleine. Der Große gibt auf. Seine Provokation läuft ins Leere. Auf die Frage, warum er sich nicht gewehrt habe, sagt der Kleine: “Ich habe gegen den Großen keine Chance. Das einzige, was ich tun kann, ist: Nerven bewahren. Wenn ich zurückschlage, hat er einen Grund mich zu schlagen. Den Spaß gönne ich ihm nicht. Zum Raufen gehören immer zwei.”

Streitschlichtersituation: Zwei Schüler im verbalen Schlagabtausch werden von einem Mitschüler angesprochen: “Du fühlst dich jetzt wohl sauwohl!?” Überraschung! Stille. Nächstes Mal wiederholt er die Frage – Stille. “Nein? Warum investierst du dann soviel Energie in etwas, was dir nichts bringt?” Später läßt der verbale Streit nach. Inzwischen wurde einer der Streithähne selbst Streitschlichter.


Quelle: Mannheimer OberstufenschülerInnen teilen ihre Geschichten bei einer Veranstaltung zur Dekade "Gewalt überwinden" am 28.3.01 im Ökumenischen Bildungszentrum sanctclara in Mannheim

Anne Kretzschmar
Dienst fuer Mission, Oekumene und Entwicklung
Evangelische Landeskirche in Württemberg

Schläge nach dem Schlittschuhlaufen - Ein Konflikt, den ich selbst gütekräftig lösen konnte.

Die Situation, die ich schildern möchte, spielte sich vor ungefähr 3 Jahren ab. Ausgangspunkt war, dass ich mit drei Freunden in der Eissporthalle in Chemnitz Schlittschuhlaufen war. Damals war ich 16 Jahre alt und meine Freunde waren beide 18. Es war ein ganz normaler Samstagabend und wir hatten sehr viel Spaß. Als wir dann gegen 22 Uhr zu unserem Auto zurücklaufen wollten, sahen wir eine Gruppe von ca. 6 Jugendlichen auf uns zu kommen. Diese waren zwischen 20 – 25 Jahre alt, ziemlich angetrunken, randalierten und schienen auch eine rechtsgerichtete Einstellung zu haben. Das schlossen wir daraus, dass die Jugendlichen Bomberjacken, Springerstiefel und auch sehr kurze Haare hatten. Wir hingegen waren und sind Anhänger der Gothic-Szene und waren schwarz gekleidet. Wir beschlossen, die Straßenseite zu wechseln, denn wir hatten keine Lust mal wieder ein paar aufs Maul zu kriegen, nur weil wir andere Kleidung, eine andere Ansicht oder einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Doch auch die Gruppe wechselte die Straßenseite und folgte uns nun. Als wir das bemerkten bekamen wir schon ein ungutes Gefühl, denn wir hatten schon mehrere Begegnungen mit solchen Jugendlichen hinter uns. Also versuchten wir uns so schnell wie möglich aus dem Staub zu machen. Wir rannten zunächst die Hauptstraße entlang mit der Hoffnung ein vorbeifahrendes Auto würde vielleicht anhalten und uns helfen, aber alle Autos fuhren vorbei, obwohl man genau sehen konnte, dass wir verfolgt wurden. Je länger diese Jagd dauerte, umso mehr Panik bekamen wir. Wir konnten nicht einmal untereinander klären, was wir nun tun sollten. Nur eines war klar; wir würden uns nicht trennen, denn zu dritt gegen sechs ist besser als allein gegen diese bestehen zu müssen. Leider mussten wir nach kurzer Zeit die Hauptstraße verlassen, denn das Auto stand in einer kleinen Nebenstraße. Als wir dann noch ungefähr 800m von unserem Auto entfernt waren, hatte uns die Gruppe doch noch eingeholt. Wir hatten schon wieder Hoffnung, doch noch heil aus der Situation heraus zu kommen, aber es sollte wohl nicht sein. Jedenfalls die Gruppe hatte uns eingeholt und uns sofort umstellt um zu verhindern, dass wir nochmals versuchen zu entkommen. Was nun folgte, war nichts Neues für uns. Jeder von uns musste erst einmal ein paar Schläge einstecken. Ich bekam, nachdem sie uns verbal provozierten und uns anrempelten, einen Schlag in den Magen und mehrere in die Gegend der Nieren aber ich konnte mich auf den Beinen halten um so zu verhindern, dass sie auf mich eintreten können. Meinen Freunden erging es nicht viel anders. Sie mussten auch Schläge in den Bauch, ins Gesicht und sogar Tritte einstecken. Doch wir nahmen die Schläge und Tritte hin ohne zurückzuschlagen. Wir wussten, sobald wir uns wehren würden, hätten sie einen Grund noch mehr und vor allem noch härter auf uns einzuschlagen. Ich bemerkte dann irgendwann, dass einige dieser Jugendlichen Eishockeyschals trugen und mir fiel ein, dass an diesem Tag der ETC Crimmitschau ein wichtiges Spiel gewonnen hatte. Ich weiß im Nachhinein gar nicht mehr wie ich das bemerkt habe und was mir in diesem Moment durch den Kopf ging, aber vielleicht habe ich darin eine Möglichkeit gesehen mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Also versuchte ich ein Gespräch ins Rollen zu bringen, ohne zu wissen, ob und wie das funktionieren sollte oder ob es überhaupt funktionieren würde. Ich begann also einen der Jugendlichen auf seinen Schal anzusprechen und ob er denn Eishockeyfan sei und das Spiel gesehen hat. Zu Beginn wollte keiner der Jugendlichen so recht darauf eingehen, denn schließlich muss ja eine Gruppe geschlossen zusammenhalten, aber dann passierte für mich das Unvorstellbare. Einer der Jugendlichen begann mit mir zu reden. Ich war völlig überrascht, denn es hatte zunächst den Anschein gehabt, als würde keiner der Jugendlichen darauf eingehen. Aber er antwortete mir auf meine Fragen und war auch sichtlich stolz, dass der ETC das Spiel gewonnen hatte. Je länger ich nun mit ihm redete und auch ich ihm sagte, dass ich den ETC gut finde und mich freue, dass dieser gewonnen hat, umso weniger wurde ich attackiert. Nun versuchte ich auch meine Freunde in das Gespräch mit einzubinden, um zu erreichen, dass auch sie nicht mehr attackiert würden. Und es funktionierte. Wir unterhielten uns nun über Eishockey, den ETC Crimmitschau und das gewonnene Spiel. Am Ende hatten wir es geschafft die Gruppe in ein Gespräch zu verwickeln und so zu verhindern, dass wir weiterhin zusammengeschlagen werden. Wir waren echt froh, dass es diesmal so gut ausgegangen war und konnten endlich nach Hause fahren. Ich weiß nicht mehr in welcher Zeitspanne sich das alles zugetragen hat aber es war für mich das erste mal, dass ich einen solchen Konflikt (gütekräftig) lösen konnte und es bestärkte mich in meiner Auffassung, dass man versuchen sollte, Konflikte immer auf eine solche Art und Weise zu lösen. Ich hatte zwar auch vor diesem Zeitpunkt schon die Meinung, dass es sinnvoller ist, Konflikte auf friedlicher Basis zu lösen als sich durch Gewalt leiten zu lassen, aber es hatte nie wirklich funktioniert. Aber an diesem  Abend hat es das und es war ein tolles Gefühl.

Dirk Lemke (aufgeschrieben im Juli 2002)

Weihnachten 2014 –in Bethlehem und bei uns …

Am 4. September 1997 wurde Smadar Elhanan, 13-jährige Enkelin eines im sog. Sechstagekrieg führenden israelischen Generals, von zwei jungen palästinensischen Selbstmordattentätern umgebracht. Reporter fragten Smadars Mutter nach Rache und Vergeltung. Ihre Antworten öffneten Miko Peled, dem Sohn des Generals, die Augen und könnten heute den Menschen in Israel und Palästina die Augen öffnen – und uns hier in diesen Weihnachtstagen:

"Keine echte Mutter würde wollen, dass so etwas einer anderen Mutter wider-fährt. Sprecht mir nicht von Rache. Mutterschaft ist eine vereinende Macht. Sie durchdringt alle Unterschiede, die zwischen uns bestehen mögen." Und: "Meine Regierung ist verantwortlich. Meine Regierung trieb die beiden jungen Männer zu einem solchen Grad an Verzweiflung, dass sie sich das eigene Leben nahmen und das Leben anderer, unschuldiger Menschen mit sich nahmen, zu denen ein 13-jähriges Kind gehört. Die brutale Unterdrückung, unter der die Palästinenser unseretwegen leben müssen, ist die Ursache für das Geschehene. Wenn wir nicht wollen, dass dies geschieht, müssen wir die Unterdrückung aufheben."

Aus Miko Peleds am 17.07.2014 veröffentlichter Rede, die er zu Vorstellung seines Buchs
"The General's Son" gehalten hat. Das 45-minütige Video (mit U-Titeln) hierzu erhält man über
https://www.youtube.com/watch?v=WF_AsxQLijY 64372-Wembach, den 18.12.14 – C.R.

Der Dieb mit dem Messer

In Frankreich gibt es eine Lebensgemeinschaft in der Tradition Gandhis, die Arche (gegründet 1948 von Lanza del Vasto). Ein deutscher Praktikant dort beobachtete auf dem Markt der nahen Kleinstadt, wie jemand einer Frau das Portmonee aus dem Rucksack entwendete. Er ging dem Dieb nach, musste sich lange durch das Marktgedränge schlängeln, dann stand er ihm gegenüber und bat um das Portmonee. Da zog der andere ein Messer und bedrohte ihn. Daraufhin sagte der Deutsche: "Moi - non-violent - - portemonnaie!" ("Ich - gewaltfrei - - Portmonee"), mehr brachte er an Französisch nicht heraus, und er hob seine beiden Hände neben sich in Adoranten-Haltung mit den Handflächen zum Gegenüber. Da gab ihm dieser das Portmonee.

(Nach dem Bericht dieser Frau, einer Bewohnerin der Arche La Fleyssière, aufgeschrieben von Martin Arnold im Juni 2002)

Mandelas Eiland

Durch 11 km eisiges, haiverseuchtes Wasser vom Festland getrennt liegt die kleine, öde Sandinsel Robben Island in Sichtweite vor der südafrikanischen Metropole Kapstadt. Seit Mitte des 17. Jahrhunderts wurde sie von den jeweiligen Herren Südafrikas als Strafkolonie für die jeweils missliebigen Untertanen genutzt. Dass die Gefangenen dort die unerreichbare Freiheit ständig vor Augen hatten, machte ihnen ihr Los nicht leichter.
Seit 1948, als die südafrikanische National Party die Apartheid zum Gesetz erhob, wurden auch deren Gegner auf die Insel verbannt, so auch Nelson Mandela, der Führer des ANC, der insgesamt 27 Jahre in Gefangenschaft zubringen musste.

Dass es dem unermüdlichen Kämpfer aus dem Gefängnis heraus gelang, das gesamte politische Gefüge Südafrikas umzukehren, die Apartheid abzuschaffen und sich selbst (1994) als ersten demokratisch gewählten Präsidenten an die Spitze des krisengeschüttelten Landes stellen zu lassen, muss als eines der ganz großen Wunder unserer Zeit betrachtet werden. Aber nur ein wahrhaft großer Mann konnte ein solches Wunder vollbringen, und edelmütige Größe, die ihm weltweite Verehrung einbringen sollte, zeigte Mandela als Staatsmann. Er hätte auf dem Gipfel der Macht leicht Vergeltung üben können, doch er predigte Vergebung, Frieden, Versöhnung. Zu seiner Amtseinsetzung lud er sogar seine Wärter aus dem insularen Vollzug ein und toastete ihnen unter Namensnennung freundlich zu.

Robben Island steht heute unter Denkmalschutz und ist eine Touristenattraktion geworden, ein besiegtes Ungeheuer, Überwunden allein durch das hartnäckige Bestehen auf der Freiheit und Gleichheit aller Menschen.

Großmutter wartet auf Kurt Felix

Die Großmutter hatte ihre Wocheneinkäufe im Supermarkt erledigt und schickte sich an, wie üblich im Selbstbedienungsrestaurant ein kleines Mittagsmahl einzunehmen. Mit Glück ergatterte sie in vorweihnachtlichen Gedränge ein freies Tischchen, an das sie ihre Handtasche und Einkaufstüten stellte.

Erna B. geht ans Buffet, von wo sie mit einer Suppe und Würstchen an ihren Tisch zurückkehrt. Sie stellt fest, dass sie das Besteck vergessen hat, und geht nochmals zum Buffet, wo Gabeln, Löffel und Messer zu Hunderten bereitliegen. Als sie zum zweitenmal an ihren Platz zurückkommt, sieht sie zu ihrem Schrecken einen Schwarzen an ihrem Tisch sitzen, der in aller Zufriedenheit ihre Suppe löffelt.

Ehe die Großmutter Zeit hat, sich zu ärgern, schießt ihr ein Gedanke durch den Kopf: Nur nicht aus der Rolle fallen, da muss Kurt Felix mit seiner versteckten Kamera am Werk sein! Geistesgegenwärtig fasst sie ihren Löffel ein wenig enger, geht auf den Tisch zu, nimmt neben dem Schwarzen Platz und beginnt, mit diesem zusammen die Suppe und die Würstchen zu verzehren. Der Tischgenosse, weder erstaunt noch verlegen, lächelt Erna B. zu und schiebt ihr den Teller näher. Die Großmutter lächelt den Schwarzen an, und ohne ein Wort zu wechseln, verspeisen die beiden Suppe und Würstchen. Sie lächeln sich mehrmals zu und an, stumm, und als das gemeinsame Mahl beendet ist, erhebt sich der Schwarze, geht zum Buffet und kommt mit zwei Tassen Kaffee zurück. Wieder lächeln sie sich an, als der Mann den einen Kaffee vor die Großmutter stellt, und schweigend genießen sie das dampfende Getränk. Dann erhebt sich das Gegenüber und verabschiedet sich mit einem Lächeln.

Die Großmutter, die ihre "Rolle" bisher souverän gespielt hat, erwartet nach dem Verschwinden des Schwarzen Kurt Felix, der ihr die Lösung des Rätsels, das ja für die Großmutter gar keines ist, bringen soll. Kurt Felix erscheint jedoch nicht, und nach längerem Ausharren greift Erna B. nach ihrer Handtasche. Welch ein Schreck, als die gute Frau feststellen muss, dass sowohl ihre Handtasche als auch die Einkäufe verschwunden sind. Schlagartig ändert sich ihre Laune, und aus dem netten Mann wird mit einem Mal ein verdammter Ausländer. Entrüstet schaut die Geprellte umher. Sie will sich schon erheben, um verschiedene Maßnahmen zu ergreifen, als ihr Blick an einem Tischchen weiter drüben haften bleibt: dort steht ihre Handtasche, neben den Tragetaschen, in denen ihre Einkäufe sind. Und auf dem Tischchen wartet ein Teller, dessen Inhalt sie nur erraten kann. Erst jetzt wird die Großmutter gewahr, dass sie am falschen Tisch Platz genommen hatte, als sie mit dem Besteck zurückkam. Sie sei sofort nach Hause gegangen und habe sich bis tief in den Abend geschämt, berichtete später Erna B.


Eine wahre Begebenheit, nacherzählt von Paul Bischof aus dem Tagesanzeiger vom 30.12.1985

Fremdenfeindlichkeit überwinden

Im Rahmen einer Unterrichtsreihe über „Fremdenfeindlichkeit und ihre Überwindung“ im Religionsunterricht einer 9. Klasse hatte ich mit einer Afrikanerin einen Unterrichtsbesuch vereinbart. Sie war bereit zum Erfahrungsbericht und Gespräch.

Am Tag vor dem vereinbarten Treffen sagte sie ihren Unterrichtsbesuch ab. Auf dem Weg nach Bonn war sie in einer Straßenbahn von zwei Jugendlichen übel beschimpft, beleidigt und an den Haaren gerissen worden. Niemand von den übrigen Fahrgästen hatte eingegriffen. An der nächsten Haltestelle war sie allein ausgestiegen. Dieses Erlebnis hatte sie seelisch schwer verletzt und verunsichert. Sie war nicht mehr in der Lage zu dem vereinbarten Schulbesuch.

Nachdem das Gespräch mit der Afrikanerin auf diese Weise unmöglich gemacht worden war, hatte sich die Schülergruppe auf diese Erfahrung mit Fremdenfeindlichkeit und Verantwortungslosigkeit konzentriert. Ein genauer Bericht über das Ereignis wurde abgefaßt und an die Stadtwerke geschickt mit Bitte um Antwort und Information über Handlungsmöglichkeiten. Unser Brief wurde von der Leitung der Bonner Verkehrsbetriebe sehr ernst genommen und beantwortet. - Alle Fahrer/innen waren (schon kurz vorher) in- formiert worden, daß sie für Zwischenfälle in ihrer Bahn bzw. ihrem Bus zuständig sind. Jede/r Fahrer/in ist ausgerüstet und angewiesen, zur nächsten Haltestelle ggf. die Polizei zu rufen.

Im Rollenspiel haben wir eigene Reaktionen in einer solchen Situation probiert. Hauptpunkte waren: Hinsehen! Andere Fahrgäste ansprechen zu gemeinsamer Reaktion! Den Fahrer aufmerksam machen! Jemand kann per Handy die Polizei rufen. Mehrere rufen sofort laut in den Wagen, daß die Polizei gerufen wird / worden ist.

In einem nächsten Schritt haben die Schüler/innen einen Artikel für die Schülerzeitung verfaßt, in dem sie über die Erfahrung mit Fremdenfeindlichkeit und die erfahrenen Reaktionen berichteten. - Es wurden Plakate gemacht, auf denen alle Schüler/innen und Lehrer/innen hingewiesen wurden auf Handlungsmöglichkeiten in solchen gewaltträchtigen Situationen. Der informative Brief von der Leitung der Stadtwerke wurde in der Schülerzeitung veröffentlicht.


 Ute Reichold

Harriet Tubman and the Underground Railroad - Power of Goodness

Born a slave, Harriett Tubman became a famous "conductor" on the Underground Railroad, leading hundreds of slaves to freedom.

Introduction

The Underground Railroad was neither underground nor a railroad. It got its name because its activities had to be carried out in secret, using darkness or disguise, and because railway terms were used by those involved with system to describe how it worked. Various routes were lines, stopping places were called stations, those who aided along the way were conductors and their charges were known as packages or freight. The network of routes extended through 14 Northern states and “the promised land” of Canada–beyond the reach of fugitive-slave hunters. Those who most actively assisted slaves to escape by way of the “railroad” were members of the free black community (including former slaves like Harriet Tubman), Northern abolitionists, philanthropists and church leaders like Quaker Thomas Garrett. Harriet Beecher Stowe, famous for her novel Uncle Tom’s Cabin, gained firsthand knowledge of the plight of fugitive slaves through contacts with the Underground Railroad in Cincinnati, Ohio.

The Underground Railroad was the term used to describe a network of persons who helped escaped slaves on their way to freedom in the northern states or Canada. Although George Washington had commented upon such practices by the Quakers as early as the 1780s, the term gained currency in the 1830s, as northern abolitionists became more vocal and southern suspicions of threats to their peculiar institution grew.

Did You Know?
Rewards offered by slaveholders for the capture of Harriet Tubman eventually totaled $40,000.

The popular perception of a well-coordinated system of Quaker, Covenanter, and Methodist “conductors” secretly helping fugitives from “station” to “station” is an exaggeration. The practice involved more spontaneity than the railroad analogy suggests. By the time escapees reached areas where sympathetic persons might assist them, they had already completed the most difficult part of their journey. A successful escape was usually less the product of coordinated assistance and more a matter of the runaways’ resourcefulness–and a great deal of luck.

The most active of the Railroad workers were northern free blacks, who had little or no support from white abolitionists. The most famous “conductor,” an escaped slave named Harriet Tubman, reportedly made nineteen return trips to the South; she helped some three hundred slaves escape. A number of individual whites also aided runaways, as did “vigilance committees,” often biracial in character, in northern cities.

Estimates of the number of slaves assisted vary widely, but only a minuscule fraction of those held in bondage ever escaped. Few, particularly from the Lower South, even attempted the arduous journey north. But the idea of organized “outsiders” undermining the institution of slavery angered white southerners, leading to their demands in the 1840s that the Fugitive Slave Laws be strengthened.


The Reader’s Companion to American History. Eric Foner and John A. Garraty, Editors. Copyright © 1991 by Houghton Mifflin Harcourt Publishing Company. All rights reserved.

Underground Railroad
Author
History.com Staff

Website Name
History.com

Year Published
2009

Title
Underground Railroad

URL
http://www.history.com/topics/black-history/underground-railroad

Access Date
July 23, 2015

Publisher
A+E Networks

Direkte gewaltfreie Aktionen / Gütekraft-Aktionen gegen Krieg / für Frieden seit 3000 Jahren - eine Sammlung











Weltkarte der Gewaltfreiheit / Weltkarte der Hoffnung von Birgit Berg

Weltkarte der Gewaltfreiheit von Birgit Berg

Birgit Berg (Wortwerkstatt Poesie & Politik, Stuttgart), hat 1997 viele Fälle von gewaltfreien Veränderungen weltweit dokumentiert. Die Ereignisse hat sie in der Weltkarte der Gewaltfreiheit / Weltkarte der Hoffnung zusammengestellt.

Sammlung von Ereignissen in Deutschland
Sammlung von Ereignissen in Europa
Sammlung von Ereignissen in Nordamerika
Sammlung von Ereignissen in Lateinamerika
Sammlung von Ereignissen im 20. Jahrhundert

Weltkarte der Gewaltfreiheit von Birgit Berg
Hoffnungsereignisse aus der Geschichte gewaltfreier Veränderungen,
1997 zusammengestellt von Birgit Berg, Wortwerkstatt Poesie und Politik, auf der
Weltkarte der Gewaltfreiheit / Weltkarte der Hoffnung

Die Geschichte gewaltfreier Veränderungen
 ist neu zu entdecken...
 ist umfangreicher als je vermutet - sie umfasst Tausende Beispiele - hier nur eine Auswahl von 150 aus dem 20. Jahrhundert
 ist noch fast unbekannt - Geschichtsschreibung und -unterricht sind bisher vorrangig Geschichte der Gewalt, der Schlachten, Herrscher und Eroberungen...
 ist die Geschichte von verhinderten Kriegen, vermiedenen Schlachten, gestürzten Tyrannen...
 handelt nicht mehr von „großen Männern", sondern auch von kleinen Völkern, Gruppen, Unbekannten, Frauen, Kindern – von den Betroffenen – von Mut und Schicksalen von Hunderttausenden...
 ist ERD-CHRONIK, international, weltweit...
 macht bewusst, wieviel schon gewaltfrei erreicht wurde: die Abschaffung der Menschenfresserei, der Sklaverei, der Duelle... wieviel gewaltfrei erst erkämpft werden musste: Frauenwahlrecht, Kriegsdienstverweigerung, Arbeitsrecht... und wieviel noch zu erringen und erreichen ist...
 zeigt erste Ansätze zu einem „Bündnis der Betroffenen"...
 macht Einzelerscheinungen erkennbar als Beiträge zu einer Gesamtentwicklung gewaltfreier Veränderung: den Fall der Berliner Mauer wie das Gewehre-Zerbrechen in Neu-Kaledonien...,
weltweite Schritte gegen Atommacht, Krieg, Unterdrückung, Vernichtung...
den Stopp von Naturzerstörung an vielen Orten...
eine unsichtbare Menschenkette der gewaltfrei Handelnden...
 ist ein wachsendes Mosaik der phantasievollen Aktionen, Ideen, Wagnisse, Formen...
 ist konstruktiv: zu dem Widerstand gegen Bedrohung kam meist das Entwickeln für Lebenswertes...
 ist der Beweis, dass aktive Gewaltfreiheit Erfolge bewirken kann...
 lässt Veränderungskraft und eine eigene Qualität der gewaltfreien Haltung erkennen
 hat ein „Know how" gewaltfreier Methoden und Konzepte als Hintergrund
 ist Impuls für persönliche Durchsetzungskraft und Strukturen neuer Politik
 ist erst am Anfang ihrer Möglichkeiten...



Späte Gerechtigkeit für die „Neun Freunde von Rock Hill“

Rehabilitation von US-Bürgerrechtskämpfern in South Carolina nach 54 Jahren

X Rock Hill, Süd-Carolina. Ein Richter in Rock Hill, South Carolina hat am 27. Januar 2015 das Urteil gegen neun schwarze Männer aufgehoben, die 1961 wegen eines SitIns in einem Speiselokal für Weiße eingesperrt worden waren.

54 Jahre, nachdem sie wegen ihres Anti-Rassentrennungs-Protests in der einstigen Textilverabeitungsstadt kamen die 9 Afroamerikaner – auch bekannt als die 9 Freunde – in ihrer Sonntagskleidung erneut zum Gericht, als ob der Richter sie erneut verurteilen wolle. Ein Mann ging am Stock, ein anderer saß im Rollstuhl. Einige waren dicker als damals und einige hatten weniger Haar als bei ihrer Inhaftierung 1961, als sie zu 30 Tagen Zwangsarbeit im Strafvollzug des Stadtgefängnisses verurteilt wurden.

Das Gericht kam damals zusammen. Der Richter verlas ihre Namen. Jeder stand auf oder hob die Hand, als er aufgerufen wurde. Jedes Gesicht war ernst. „Angeklagt des Hausfriedensbruchs“ sagte der Richter nach jedem Namen. Urteil: „Schuldig“. Strafe: 100 $ oder 30 Tage. Haft.

Aber an diesem Tag im Jahr 2015 beantragte die Staatsanwaltschaft von South Carolina, die Einträge im Strafregister zu löschen und die Urteile wegen Hausfriedensbruchs aufzuheben.

New York Times, 28.01.2014

Siehe auch, Bericht und Video:
http://www.nytimes.com/2015/01/29/us/south-carolina-court-clears-friendship-nine-in-1961-sit-in.html

Gewaltfreiheit wirkt! - 60 gewaltfreie Siege aus den vergangenen hundert Jahren

Gewaltfreiheit wirkt!
60 Erfolge gewaltfreien Handelns aus den vergangenen hundert Jahren

Das Folgende ist eine Auswahl besonders berichtenswerter Beispiele gewaltfreier Aktionen. Allerdings ist Gewaltfreiheit bei näherer Betrachtung ganz normal. Im täglichen Leben – wie auch zwischen Staaten – werden Streitigkeiten üblicherweise gelöst, ohne auf Gewalt zurückzugreifen. Erinnern wir uns also daran: Gewalt ist die Ausnahme – Gewaltfreiheit ist die Regel.

1. Transvaal, Südafrika 1907-14 – Gandhi führt eine Kampagne für die Rechte der Inder in Transvaal zum Erfolg, indem er sich weigert, ungerechte Gesetze und Einschränkungen einzuhalten.

2. Brasilien 1910 – Friedenschluss zwischen europäischen Siedlern und dem Stamm der Chavantes. Beim ersten Versuch wurden 25 unbewaffnete Freiwillige, die General Rondon geschickt hatte, umgebracht. Beim zweiten Versuch wurde Frieden erreicht.

3. England 1915-18 – die Standhaftigkeit der Kriegsdienstverweigerer im Ersten Weltkrieg, selbst vor der Bedrohung, in Frankreich an der Front exekutiert zu werden, erbrachte ihnen das verbriefte Recht, nicht töten zu müssen.

4. Indien 1918-47 – neben vielen anderen gewaltfreien Kampagnen gegen die britische Herrschaft wandte sich Gandhi gegen die Salzsteuer und führte 1930 einen symbolischen Marsch ans Meer, um Salz selbst herzustellen. Die Briten reagierten häufig mit brutaler Gewalt gegen den gewaltfreien Aufstand, aber 1947 wurde die Unabhängigkeit erlangt.

5. Ruhrgebiet, Deutschland 1923 – passiver Widerstand gegen französische und belgische Besatzung verhinderte den Abtransport von Kohle, wie er als Reparationsleistung von Deutschland gefordert wurde.

6. Nordwest-Grenzprovinz, Indien 1929 – Abdul Ghaffar Khan bildete aus den traditionell ungezügelten Paschtunen eine große disziplinierte gewaltfreie Armee, die der britischen Herrschaft widerstand.

7. England 1932, massenhafte Übertritte auf gesperrtes Land führten im nordenglischen Hügelland (Peak District) zunächst zu Verhaftungen, dann zur Bewegung für Zugangsrechte zum britischen Moor.

8. Liberia 1932 – das Land war vom Bürgerkrieg zerrissen. Ein Vermittler des Völkerbundes war in der Lage, die Wurzel des Problems zu erkennen, die Krieg führenden Stämme zu entwaffnen und den Konflikt zu beenden.

9. Norwegen 1942 – Lehrer weigerten sich mit dem pro-nationalsozialistischen Quisling-Regime zusammenzuarbeiten. Viele von ihnen wurden /inhaftiert / in Konzentrationslager gebracht. Doch schließlich wurde die Verpflichtung, in den Schulen die Nazidoktrin zu unterrichten, zurückgenommen. Ausführlicher Bericht zu diesem Ereignis

10. Dänemark 1943 – SS Truppen schafften es nicht, die weit verbreitete Nicht-Bewegung der Nichtzusammenarbeit und Streiks gegen die Nazibesetzung zu stoppen. Fast alle 7000 jüdischen Bürgerinnen und Bürger wurden durch die widerständige Bevölkerung Dänemarks gerettet.

11. Berlin, Deutschland, 1943 – „Arische“ Ehefrauen deutscher Juden erreichten die Freilassung ihrer Ehemänner durch andauernde Mahnwachen vor dem Gebäude in der Rosenstraße, in dem die Männer festgehalten wurden.

12. Bulgarien 1943 –Leiter der orthodoxen Kirche in Bulgarien widersetzten sich während des Zweiten Weltkriegs erfolgreich der Deportation von Juden.

13. Guatemala 1944 – Diktator General Ubico wurde durch friedliche Studentendemonstrationen sowie durch Streiks, die die Hauptstadt lähmten und der Polizeigewalt trotzten, gestürzt.

14. Workuta, UdSSR, 1953 – ungefähr 250.000 politische Gefangene wurden in Lagern gehalten und gezwungen, unter schrecklichen Bedingungen in den Kohlebergwerken zu arbeiten. Die Gefangenen streikten und blieben trotz blutiger Vergeltungsmaßnahmen standhaft, bis man die Bedingungen verbesserte.

15. Alabama, USA 1955 – nachdem sich Rosa Parks geweigert hatte, in einem Bus mit Vorrangplätzen für Weiße ihren Sitzplatz aufzugeben, begann in Montgomery die Kampagne für Gerechtigkeit in Rassenfragen mit einem Busboykott, der ein Jahr dauerte.

16. Sizilien, Italien 1956 – Danielo Dolci organisierte einen ‚umgekehrten Streik‘, um auf die mittellosen Menschen aufmerksam zu machen. Arbeitslose stellten ihre Arbeitskraft kostenlos zur Verfügung und bauten Straßen, obwohl die Behörde am Ort widersprach.

17. Nagaland, Indien 1964 – Kirchenführer stellten sich an die Spitze von Versuchen, eine friedliche Lösung in Auseinandersetzungen mit den indischen Regierungstruppen zu finden.

18. Zypern 1964-74 – rund 10 Jahre hielten UN Blauhelme den Frieden zwischen türkischen und griechischen Zyprioten aufrecht (und wiederum nach der Teilung der Insel): eine ihrer mehr als 50 Friedensmissionen.

19 Kalifornien, USA 1965 - 70 – César Chávez, ein christlicher Community Organizer, führte Gewerkschaften unter den ausgebeuteten Wanderarbeitern ein. Ein nationaler und internationaler Weintraubenboykott bewegten die Anbauer dazu, sich auf Verhandlungen für bessere Arbeitsbedingungen einzulassen.

20. Nordirland 1968-1998 – obgleich die gewaltfreie Kampagne für Bürgerrechte durch paramilitärische Gewalt sabotiert wurde, konnte die stille Arbeit der Corrymeela Gemeinschaft und ähnlicher Gruppen Brücken über die Grenzen der Konfessionen hinweg bauen und so den Weg zu einem Waffenstillstand und einer Beilegung der Kämpfe bahnen.

21. Ahmedabad, Indien 1969 – Shanti Sena Friedensbrigaden stellten sich in Krawallen zwischen Muslime und Hindus und erreichten nach 4 Monaten geduldiger Versöhnungsarbeit Frieden.

22. Larzac Hochebene, Frankreich 1970-1981 – Demonstrationen, auch mit Schafherden in Paris unter dem Eiffelturm, brachten die Regierung dazu, ihre Pläne zur Ausdehnung eines Truppenübungsplatzes über das ganze Weideland zurückzunehmen.

23. Culebra, Puerto Rico 1971-1975 – Einwohner besetzten ein Schießübungsgelände der US Marine, stellten eine als Symbol geltende Kapelle wieder her und störten Militärübungen, bis die Insel als Zielgebiet aufgegeben wurde.

24. Baltimore, USA 1971 – (a) Kanus mit Friedensleuten aus Philadelphia stoppten ein Schiff, das Waffen für den Krieg nach Pakistan bringen sollte. Die Küstenwache half zwar die Blockade zu durchbrechen, aber die erzielte Öffentlichkeit führte dazu, dass die Waffenlieferungen gestoppt wurden. Eine ähnliche Taktik wurde genutzt (b) in Neuseeland 1976-1984, wo ein „Friedensgeschwader“ atomgetriebene Schiffe daran hinderte, in den Hafen von Auckland einzufahren, und (c) in Australien 1989-90 gegen den Import von Holz aus dem Regenwald, der dann reduziert wurde.

25. Vorgebirge des Himalaya, Indien 1972 – „Treehuggers“ (Menschen, die Bäume umarmen) aus 200 Dörfern verhinderten mit einer Reihe von Aktionen am Ort die Abholzung und Holzauktionen.

26. Whyl, Deutschland 1974 – Leute aus der Gegend besetzten den für ein Atomkraftwerk vorgesehenen Bauplatz länger als ein Jahr lang und verhinderten so den Bau – endgültig.

27. Sao Paulo, Brasilien 1974 – als Arbeiter einer Zementfabrik, denen ihr Lohn vorenthalten wurde, zu streiken begannen, wurden sie als Kommunisten diffamiert. Ihre über 7 Jahre andauernde Auseinandersetzung im Dialog mit den Eigentümern sorgte für viel Öffentlichkeit. Als schließlich Fahrer als Streikbrecher damit drohten, Streikende zu überfahren, schritt die Polizei ein. Die Arbeiter erhielten ihren Lohn.

28. Tschechoslowakei 1977 – die Charta 77 für Menschenrechte zu unterschreiben, erforderte viel Mut, führte aber 1989 zur „samtenen Revolution“ und der Wiederherstellung der Demokratie.

29. Buenos Aires, Argentinien 1977-1983 – die Mütter von der Plaza de Mayo, deren Kinder entführt worden waren, ignorierten Bedrohungen und hielten eine wöchentliche Mahnwache aufrecht, die Menschenrechtsverletzungen sichtbar machte und dabei half, Demokratie herzustellen.

30. Alagamar, Brasilien 1980 – Zuckerbarone eigneten sich Land an. Die Enteigneten kehrten zurück, um für den Eigenbedarf anzubauen, doch wurde es vor der Ernte ausgerissen. Die öffentliche Meinung unterstützte die Kleinbauern und die Regierung gewährte ihnen in großem Umfang Land.

Polen 1980-1989 – Solidarność, die Gewerkschaft die bei dem Streik auf einer Danziger Werft entstand, benutzte religiöse und nationale Gefühle, um eine Opposition aufzubauen und die kommunistische Regierung gewaltfrei zu stürzen.

32. Ungarn 1980-1989 - der schrittweise Wandel von einer totalitären zu einer demokratischen Regierung führte zu den Grenzöffnungen und der Kommunismus stürzte wie ein Soufflé in sich zusammen.

33. Niederlande 1982 – eine Volksbewegung von 400.000 Menschen demonstrierte gegen die Stationierung von Cruise Missiles.Keine wurden dort aufgestellt.

34. Nicaragua 1983-1990 – fast 4.000 Menschen aus US-amerikanischen Friedensgruppen kamen als „Zeugen für den Frieden,“ um in Dörfern zu leben, die von Angriffen der Contra Guerilla bedroht waren, die ihrerseits von den USA bewaffnet und trainiert wurden.

35. Philippinen 1986 – unter atemraubender Anspannung widersetzten sich Massen von Zivilisten drei Tage lang dem Militär, zogen es schließlich auf ihre Seite und erreichten so nach 13 Jahren Kriegsrecht den Sturz von Diktator Marcos. Ausführlicher Bericht zu diesem Ereignis

36. Baltische Republiken 1988-1991 – Litauer, Letten und Esten nahmen an der 600 km langen Menschenkette teil, die ihre drei Hauptstädte verband. Als sich Litauen für unabhängig erklärte, schickte die Sowjet-Union Panzer, aber die Menschen blieben standhaft ohne zu Gewalt zu greifen, und die Truppen zogen schließlich ab. In Estland sammelten sich große Menschenmassen in Riga und sangen traditionelle estnische Volkslieder (die in der Sowjetunion verboten waren): die „singende Revolution“. Alle drei Staaten erzielten ihre Unabhängigkeit ohne Gewalt.

37. Ostdeutschland 1989 – Gebetsversammlungen, die seit 1981 in der Leipziger Nikolaikirche abgehalten wurden, breiteten sich über das Land aus und die kommunistische Regierung wurde zum Rücktritt gezwungen, was den Weg zu freien Wahlen öffnete. Es gab kein Blutvergießen.
Ausführlicher Bericht zu diesem Ereignis

38. Kasachstan 1989-1991 – Großdemonstrationen und politische Lobbyarbeit gegen ein Atomtestgelände führten zum Teststopp und zur Schließung des Geländes.

39. Mosambik 1989-1992 – die in Rom ansässige Gemeinschaft Sant‘Egidio, die aufgrund ihrer humanitären Arbeit Vertrauen genießt, konnte eine Vereinbarung zwischen RENAMO und FRELIMO Streitkräften vermitteln, die einen 10-jährigen Krieg beendete.

40. Mongolei 1990 – 6-monatige Streiks, Hungerstreiks und öffentliche Aktionen zwangen ein Regime von Hardlinern in Richtung Demokratie, Pressefreiheit und Wirtschaftsreformen.

41. Südafrika 1990 – Nelson Mandela gab Südafrika dank seiner Haltung der Vergebung am Ende der Apartheid Hoffnung auf eine friedliche Zukunft. Das Apartheidregime als solches war schon durch Boykotte außerhalb und innerhalb des Landes gegen Sportveranstaltungen, Investitionen und anderes erschüttert.

42. Russland 1991 – das Volk in Moskau widerstand einem Militärputsch gegen Präsident Gorbatschow, indem es sich Panzern entgegen stellte und das Militär auf Abstand vom russischen Parlament hielt.

43. Thailand 1991-1992 – nach der Machtergreifung durch das Militär führte das Beten und Fasten von Mönchen nach sieben Monaten zu Großdemonstrationen, so dass anstelle militärischer Repression doch wieder demokratische Regeln eingeführt wurden.

44. Mali 1991-1996 – gewaltsame Konflikte zwischen bewaffneten Tuareg sowie arabischen Gruppen und der Regierung wurden durch ausgedehnte Verhandlungen zwischen den Gemeinschaften in örtlichen Gesprächsrunden gelöst.  Dann wurden bei einem feierlichen Freudenfeuer Waffen verbrannt.

45. Somalia 1991-2000 – interne kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Stämmen wurden dadurch unterbrochen, dass Frauen sich auf die jeweils andere Seite begaben, so Spannungen abbauten, für die Freilassung von Geiseln sorgten, Hilfslieferungen und Demobilisiserungsprogramme organisierten und einen Friedensprozess vorbereiteten.

46. Ecuador 1992 – Tausende von Stammesangehörigen marschierten vom Oberlauf des Amazonas nach Quito und kampierten drei Wochen lang im Park. Die Regierung gewährte ihnen förmlich Eigentum über mehr als 4000 Quadratmeilen ihrer angestammten Heimat.

47. USA 1993 – Kirchen brachten schwarze und weiße Anführer von Jugendbanden zu einem Treffen in Kansas City zusammen, indem sie ihnen die Aussicht auf Gemeinschaftsaufbau anboten.

48. Ghana 1994-1996  – die Nairobi Peace Initiative erreichte eine Lösung für den mit Waffen ausgetragenen ethnischen Konflikt zwischen den Völkern Nordghanas.

49. Peru/Ecuador 1995-1998 – ein amerikanisches Konfliktmanagement-Team vermittelte eine friedliche Lösung für den Grenzkonflikt, der seit 1884 34mal zu Kämpfen geführt hatte.

50. Uganda1998 – Die Acholi Religious Leaders‘ Peace Initiative arbeitete für ein gewaltfreies Ende bewaffneter Konflikte, trainierte Freiwillige in Mediation und unterstützte Überlebende des Bürgerkriegs zwischen der ‚Lord’s Resistance Army‘ und den Regierungstruppen.

51. Australien 1998 – Die ‚Sorry Book‘-Kampagne sammelte von tausenden Australiern Unterschriften, um für frühere Menschenrechtsverletzungen gegen die eingeborene Bevölkerung um Entschuldigung zu bitten.

52. Serbien 1998-2000 – von Studenten angeführte Demonstrationen in Belgrad, unter Nutzung von Graffitis, Humor und Mobiltelefonen bewirkten den Sturz von Präsident Milošević, der sich geweigert hatte, seine Wahlniederlage zu akzeptieren.

53. Palästina Israel 2001 – fünf israelische Frauen begannen, Kontrollpunkte, die die Bewegungsfreiheit der Palästinenser kontrollieren sollen, zu überwachen. Zunächst als unpatriotisch abgetan, gehören inzwischen einige hundert Beobachterinnen zu Machsom / CheckpointWatch, die in Schichten das Verhalten von Soldaten und Polizei beobachten, für den Schutz der Bürgerrechte der Palästinenser sorgen und ihre Beobachtungen an die Öffentlichkeit bringen.

54. Nigeria 2002 – 150 Frauen aus den Dörfern brachten eine Erdölproduktionsstätte für 10 Tage zum Erliegen, indem sie von Booten aus mehrere Pipeline-Köpfe von Chevron Texaco besetzten. Mit der Drohung, sich auszuziehen, falls sie entfernt würden, verlangten die Frauen von der Ölgesellschaft Arbeit und verbesserte Bedingungen in den Dörfern.

55. Liberia 2002-2006 – Blockaden und Sitzstreiks einer Koalition christlicher und muslimischer Frauen brachten die Männer dazu, über das Ende eines jahrzehntelangen Bürgerkriegs zu verhandeln. Sie mobilisierten erfolgreich Unterstützung für die erstmalige Wahl einer Frau als afrikanisches Staatsoberhaupt.

56. Ukraine 2004 – aus umfangreichen öffentlichen Proteste gegen eine korrupte Wahl und Neuwahlen geht die ‚orange Revolution‘ hervor.

57. Palästina Israel 2005 - Bewohner von Bil’in entschieden sich, für den Widerstand gegen die Enteignung ihres Landes, auf dem illegale israelische Siedlungen und die Trennmauer gebaut werden sollten, für eine gewaltfreie Vorgehensweise. Sie erreichten einen Beschluss des Obersten Gerichts Israels, wonach die Streckenführung der Trennmauer verändert werden musste. Ihrer andauernden wöchentlichen Mahnwache an der Trennmauer begegnet das Militär mit Gewalt.

58. Guatemala 2007 – junge Stelzenläufer nutzten Zirkuseinlagen und Straßenkarneval um das Klima der Gewalt, das von brutalen Jugendbanden ausging, zu verwandeln.

59. Thailand 2008 – Tausende von Demonstranten gegen die Regierung brachten Bangkoks Flughafen für acht Tage zum Erliegen. Die Machtprobe endete, als ein Gericht die Regierungspartei auflöste und den Premierminister wegen Wahlbetrugs von öffentlichen Ämtern ausschloss.

60. Pakistan 2009 – Großdemonstrationen und ein Marsch auf Islamabad, angeführt von den Rechtsanwälten des Landes, zwang den Präsidenten dazu, den Obersten Richter wieder in sein Amt einzusetzen, der 2 Jahre zuvor ohne Begründung von der Militärregierung abgesetzt worden war.


GEWALTFREIHEIT IST NORMAL
GEWALT IST DIE AUSNAHME

Diese Beispiele aktiver Gewaltfreiheit zeigen, dass in der ganzen Welt Menschen das Potenzial der Gewaltfreiheit erkannt haben, wenn es darum geht, sich gegen Unrecht einzusetzen und Veränderungen zu bewirken. Einige von ihnen bestanden aus einer kurzen Episode oder Kampagne, andere erforderten enormes Durchhaltevermögen und viele kleine Schritte über einen langen Zeitraum, bis der Wandel eintrat. Gewaltfreiheit bietet keine Patentlösung.

Fehlschläge? Erfolge gewaltfreier Aktion sind nicht wie Märchen
Sie enden auch nicht öfter „glücklich und zufrieden bis ans Lebensende“, als wenn Gewalt angewendet wurde. Die Bevölkerung muss andauernd wachsam bleiben und gewaltfreie Aktionen müssen möglicherweise wiederholt werden, wie es etwa 2001 in den Philippinen der Fall war. Gelegentlich hat der Erfolg nur eine kurze Lebensdauer, weil die neue Situation, die sich aus einer gewaltfreien Kampagne ergibt, zu neuer Gewalt führt (wie etwa nach der indischen Unabhängigkeit mit Teilung des Landes).

Viele gewaltfreie Aktionen, wie etwa die Studentenproteste am Tiananmen Platz 1989 in Peking, hatten keinen Erfolg, veränderten aber das öffentliche politische Bewusstsein. Andere Kampagnen haben die Bewusstheit von Gefahren, Ungerechtigkeiten und Problemen verbessert, die beispielsweise von Atomwaffen, Straßenbau, genmanipulierten Lebensmitteln, Frauenbenachteiligung, Waffenhandel usw. ausgehen.

Lernen, wie Gewaltfreiheit wirkt
Eine bedeutsame Entwicklung des vergangenen Jahrhunderts war die Verbreitung von Programmen zur Ausbildung in der Konfliktbearbeitung und dem Friedenstiften in Schulen, Kirchen, Gemeinschaften und zwischen Staaten. Quäker und Mennoniten haben diese Entwicklung vorangetrieben. Die Universität Bradford hat eine große Fakultät für Friedensstudien, die Studenten aus aller Welt anzieht.

In seinen Büchern zählt der amerikanische Wissenschaftler Gene Sharp fast 200 Methoden gewaltfreier Aktion auf, um Gerechtigkeit und den Sturz von Unterdrückern zu erreichen oder sich für Umweltbelange einzusetzen. Jesus zeigte bereits vor 2000 Jahren die gewaltfreie Art auf, sich den Mächtigen entgegen zu stellen, Ungerechtigkeiten aufzudecken, dabei Regeln zu brechen, um eine herrschende Kultur herauszufordern und Menschenwürde zu reklamieren: Lieber selbst leiden, als gewaltsam zurückzuschlagen. Dieser Ansatz konnte über viele Jahre hin fantasievoll vielfältig weiterentwickelt werden. Die Grundidee bleibt die gleiche: Unterdrückte nehmen sich ihre Macht zurück und nutzen sie, wobei sie dem Unterdrücker wohlwollend-gerecht die Möglichkeit anbieten, auf ihre Seite zu wechseln.

Gewaltfreiheit wirkt!
Erstveröffentlichung 2010 durch die Baptist Peace Fellowship, den britischen Versöhnungsbund und die britische Sektion von Pax Christi.
Original in englischer Sprache
Redaktion der deutschen Übersetzung: Martin Arnold 2018


Die ägyptische Revolution 2011: Mechanismen von Gewalt und Gewaltlosigkeit

Ein Vortrag von:
Prof. Dr. Patricia Bauer
PD Dr. Michael Berndt
Prof. Dr. Bertold Schweitzer